Vergessene Kosten – bei Software und beim Lernen

Patrick Rhone schreibt in seinem Beitrag The forgotten cost of features über das Hinzufügen von Funktionen (features) bei Software und anderen Gebrauchsgegenständen:

A perfectly blank sheet of white paper is a tool of infinite possibility. For input you could use a pencil, a pen, a crayon, a marker, a stamp, a brush or more. You could use all of those at once. You can write or draw or paint in any direction. Even multiple directions on the same sheet. You can use any color you want. How you enter data onto it and how that information is structured seems almost limitless. That flexibility and power is available to you because of it’s lack of features. In fact, it is featureless – devoid of them.
Patrick Rhone

Ich mag diesen Perspektivwechsel.

Meist werden neue Funktionen werbewirksam angepriesen. Sie sind es oft, die den Kunden dazu bringen sollen, Geld für ein Update auszugeben. Dabei wird natürlich nicht gesagt, was der Preis neuer Funktionen ist: Sie müssen irgendwo verfügbar sein (Menü-Einträge, Buttons etc.), sie müssen als Funktionen erkennbar sein und verstanden werden und sie müssen dokumentiert sein. Das kostet Geld und (wichtiger) Aufmerksamkeit. Wenn es nur einen Button zu Klicken gibt, hat dieser meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn es zehn sind, muss ich eine gewünschte Funktion schon suchen. Bei hunderten Funktionen, wie sie z.B. Programme wie Word oder Photoshop mitbringen, kann es vorkommen, dass ich zwar noch weiß, dass es eine Funktion gibt und ich sie schon ein Mal benutzt habe, sie aber gar nicht mehr wieder finde.

„Kosten“ für das Lernen

I think it is far too easy to look at the addition of features to anything – hardware, software, analog, digital, even a simple piece of blank paper – as a benefit without also recognizing the associated and often forgotten cost.
ebd.

Das gilt zu einem gewissen Grad auch beim Lernen. Jede Vorstrukturierung, jede Hilfestellung seitens des Lehrers hat ihren Preis. Sie verhindert zum Beispiel die Möglichkeit, diese Struktur selbst zu finden (oder eine andere, die Sinn macht). Das hat mindestens zwei Konsequenzen.

Zum einen verankert sich eine von außen vorgegebene Struktur in der Regel weniger tief als eine selbst Gefundene. Das „Durchdringen“ und Behalten der Inhalte ist daher meist weniger ausgeprägt. Zum anderen geht ein Erfolgserlebnis verloren.

Das kann man auf jedem Spielplatz beobachten: Wenn das Kind die Leiter zur Rutsche hochklettert, ist die Elternhand oft schon präventiv am Kinderpo in Stellung, falls die oder der Kleine fällt. Der Preis dieser Hilfestellung ist, dass das Kind nie erlebt, dass es diese schwierige und potentiell risikoreiche Situation ohne Hilfe gemeistert hat. Umgekehrt leuchten die Augen des Kindes vor Stolz, wenn es die Aufgabe ohne Hilfe wirklich alleine gemeistert hat – mit der Elternhand auf Abstand.

Beim Lernen sind ähnliche Erfolgserlebnisse möglich, wenn es die Chance gibt, selbst mit einem Lerngegenstand zu ringen und dabei eine echte Möglichkeit besteht zu scheitern. Umso größer ist der Stolz und der Zuwachs an Selbstbewusstsein, wenn man es alleine geschafft hat. Dabei „darf“ die „Hand“ natürlich bereit stehen, wenn man nicht mehr weiter kommt. Sie sollte aber nicht schon von vornherein stützen.

Zum anderen erfordert jede Hilfestellung Aufmerksamkeit, die nicht mehr für den eigentlichen Lerninhalt zur Verfügung steht. („Was soll ich hier machen“ – methodisch – anstatt „Wie kann ich diesen Inhalt verstehen?“ – inhaltlich.) Im Extremfall geht das soweit, dass die Frage „Was will der Lehrer von mir hören oder lesen?“ wichtiger wird als der Lerninhalt.

Abwägen

Natürlich kann man daraus nicht den Schluss ziehen, bei Software keine neuen Funktionen und beim Lernen keine Vorstrukturierung oder Hilfestellung mehr anzubieten. Beides ist oft wichtig. Es muss aber klar sein, dass diese einen Preis haben und daher wohl abgewogen sein wollen.

Die schwierige Aufgabe für den Lehrer besteht darin, die Rahmenbedingungen für das Lernen so abzustecken, dass möglichst echte Probleme gelöst werden können, dass diese „schwierig genug“ sind, um damit zu ringen, und dass die Hilfestellung so weit wie möglich im Hintergrund bleibt.

 

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