[Gelesen] Notari/Döbeli Honegger: Der Wiki-Weg des Lernens

Die Wiki-Grundidee ist im Kern wohl noch unbegriffen. Wie viele bahnbrechenden Erfindungen zuvor wird sie zwar beflissen genutzt, in ihren Dimensionen aber noch nicht erkannt.

Beat Knaus: Wiki macht Schule: »Der Einsatz von Wikis im gymnasialen Deutschunterricht«, in: Notari/Döbeli Honegger (Hg.): Der Wiki-Weg des Lernens, 2013.

Beat Knaus hat eines der Kapitel in dem Buch Der Wiki-Weg des Lernens geschrieben und man merkt seinem Text an, dass darin viel praktische Wiki-Erfahrung und gleichzeitig auch tiefgründiges Nachdenken über die didaktischen, technischen und gesellschaftlichen Implikationen dieser Technologie zusammengeflossen sind. Sein Kapitel über den Einsatz von Wikis im Deutschunterricht an einem schweizer Gymnasium hat mir besonders gut gefallen. Es macht konkrete Unterrichtssituationen erfahrbar, gibt dem Leser viele Ideen und Anregungen und enthält gleichzeitig die nötige Reflexion und Abstraktion, um über das reine »Schau, so hab ich das gemacht« hinauszuweisen. Dass Knaus dabei hier und da etwas euphorisch wirkt, kann man ihm gut verzeihen.

Das Buch Der Wiki-Weg des Lernens, herausgegeben und auch in erheblichen Teilen geschrieben von Michele Notari und Beat Döbeli Honegger, enthält viele weitere anregende Kapitel. In einem ersten Teil werden eher theoretische Überlegungen über die Grundprinzipien der Wiki-Arbeit, über deren Einbettung in ein konstruktivistisches Lernverständnis und über die Frage der »Öffentlichkeit, Öffnung und Offenheit« in einem Wiki dargestellt. Sowohl Einsteiger als auch erfahrene »Wiki-Lehrer« können aus diesen Kapiteln Gewinn ziehen.

Im praktisch ausgerichteten zweiten Teil des Buches werden Unterrichtserfahrungen mit Wikis dargestellt. Die praktische Durchführung wird konkret beschrieben, so dass man sie gut nachvollziehen kann. Bei Interesse hat man genügend Anhaltspunkte, um den Wiki-Einsatz selbst auszuprobieren. Es fehlt aber auch selten die reflektierende Analyse. Lediglich die beiden Grundschul-Kapitel sind aus meiner Sicht eher schwach: Sie sind weniger klar und konkret, sprachlich teilweise redundant und auch etwas oberflächlich. Für den Rest des Buches gilt das Gegenteil.

Ich selbst arbeite schon einige Jahre mit Schülern in Wikis, aber in diesem Buch habe ich dennoch eine große Zahl neuer Ideen gefunden, die mich inspirieren und die mir Lust darauf machen, neue Wege zu gehen. Beispiele sind die quantitative Analyse der Wiki-Zugriffe der Studierenden von Michele Notari, aus denen er plausible Richtlinien ableitet, wie man das freie Arbeiten in einem Projekt strukturieren kann oder die Schilderung von Niklaus Schatzmann, wie ein schulweites Wiki seit mehreren Jahren eingesetzt und entwickelt wird.

Wer sich für den Einsatz von Wikis im Bildungsbereich interessiert, findet – unabhängig von seinen Vorkenntnissen – in diesem Buch einen reichen Schatz von Anregungen. Und dass man sich für Wikis im Bildungskontext interessieren sollte, formuliert wiederum Beat Knaus sehr treffend (wenn auch hier konkret auf eine Schulart bezogen):

Dass das Gymnasium als Hüterin des über Jahrhunderte gewachsenen Wissens solchen im Wortsinn schnelllebigen Umwälzungen skeptisch gegenübertreten muss, ist ebenso nachvollziehbar wie die Voraussage, dass es davon nicht unberührt bleiben kann.

Beat Knaus: Wiki macht Schule: »Der Einsatz von Wikis im gymnasialen Deutschunterricht«, ebd.

Für »Gymnasium« kann man meines Erachtens auch das Wort »Schule« einsetzen. Das Buch, das unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlich wurde, das kostenlos als PDF-Version zur Verfügung steht und das auch online gelesen und kommentiert werden kann, macht jedefalls Lust darauf, die Berührung mit Wikis zu suchen und sie konstruktiv und produktiv zu gestalten.

[DISCLAIMER] Ich habe vom hep-Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten, das ich aber schlussendlich nicht genutzt habe. Stattdessen habe ich das Buch als PDF auf einem Tablet gelesen, weil ich so besser anstreichen und kommentieren kann. Mein positiver Eindruck des Buches ist – so weit ich das beurteilen kann – nicht vom Erhalt des kostenlosen Exemplars beeinflusst worden.

 

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