Motivation und Verwendung meines Unterrichtswikis

Ich habe vor Kurzem eine Anfrage von Studierenden bekommen, die sich in einem Seminar mit dem Einsatz verschiedener Web-Technologien beim Lernen und Lehren beschäftigen. Konkret bezogen sich die Fragen auf mein Unterrichtswiki und wie ich es verwende. Die Antworten sind möglicherweise auch für andere interessant, daher beantworte ich einige Fragen hier im Blog.

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FRAGE: Wie entstand die Idee, ein Unterrichtswiki anzulegen und organisatorische Informationen zum Unterricht digital an die Schülerinnen und Schüler weiterzugeben?

Zunächst entstand die Idee, weil in Baden-Württemberg jeder Schüler ab Klasse sieben ein Mal pro Schuljahr in einem Fach eine so genannte »Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen« (GFS) anfertigen muss. Das ist meist ein Vortrag oder eine Facharbeit, ein vom Schüler durchgeführtes Experiment oder Ähnliches. Für diese GFS wollte ich klare Anforderungen formulieren, damit die Schüler wissen, worauf sie achten müssen und nach welchen Kriterien ich die GFS benote. Da die GFS zu verschiedenen Zeiten im Schuljahr stattfinden und ich die Schüler zur Selbständigkeit hinführen möchte, lag es nahe, die Anforderungen online ständig verfügbar zu haben, damit sich die Schüler eigenständig darum kümmern können, wenn sie mit der Arbeit an der GFS beginnen1.

Außerdem hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die mündliche Kommunikation über Anforderungen, Termine etc. oft nicht klappte. Die Schüler »wussten« nichts mehr von den formulierten Kriterien oder waren der Meinung, ich hätte dieses oder jenes nicht gesagt. Es lag also nahe, das schriftlich festzulegen.

Für die transparente Darstellung der Bewertungskriterien, Gewichtungsverhältnisse etc. in anderen Unterrichtsbereichen gilt das analog. Indem diese Informationen online verfügbar sind, kann ich darauf hinweisen, wenn es relevant ist, ohne dadurch ständig unzählige Papierkopien machen zu müssen. Dennoch drucke ich immer wieder auch Wiki-Seiten für den Unterricht aus. Je nach Alter der Schüler (jüngere Schüler bekommen häufiger Papier in die Hand als Ältere) und Unterrichtssituation (nicht immer ist Zugang zu Computern problemlos möglich) gibt es den Wiki-Inhalt als Arbeitsblatt oder als Online-Material, das die Schüler im Unterricht oder zu Hause am Bildschirm lesen.

Darüber hinaus unterrichte ich mit einem erheblichen Teil meines Deputats Naturwissenschaft und Technik (NwT), ein projektorientiertes Fach, in dem die Schüler starken Einfluss auf die thematische Gestaltung und den zeitlichen Ablauf des Unterrichts haben. Dabei kommt es häufig vor, dass einzelne Schüler bestimmte Aufgaben planen (z.B. eine Recherche durchführen, ein Poster gestalten, eine Wettermessung durchführen etc.), zu denen ich ihnen eine Anleitung oder andere strukturierende Hinweise geben möchte. Meist ist es zeitlich nicht genau vorhersagbar, wann jede Gruppe sich an diese Aufgaben macht. Außerdem wiederholen sich die Aufgaben in unterschiedlichen Lerngruppen zu verschiedenen Zeiten.

Es erschien mir also sinnvoll, die Anleitungen und Hinweise online immer verfügbar zu haben, so dass sowohl die Schüler als auch ich schnell darauf zugreifen können. Würde ich diese Anleitungen in Papierform ausgeben, ergäbe das eine große Anzahl von Kopien, von denen viele nur punktuell gebraucht würden. Zum Beispiel sind die Hinweise zur Strukturierung einer Recherche nicht für alle Schüler relevant, weil manche das schon können oder ihre eigene Methodik entwickelt haben. Die Hinweise zur Durchführung einer Wettermessung sind nur für sehr kurze Zeit und auch nur einmalig relevant: Die Schüler müssen das ein Mal lesen, bevor sie mit der Messung beginnen, und die genannten Prinzipien dann anwenden.

Ein weiterer Grund für den Einsatz des Wikis ist die integrierte Medienbildung. Vor einigen Jahren habe ich das Fach »Medien« unterrichtet. Dafür habe ich dann u.a. auf unserer Schulwebsite Anleitungen für verschiedene Szenarien erstellt (damals hatte ich noch kein Wiki). Mittlerweile unterrichte ich das Fach Medien (schulorganisatorisch bedingt) schon mehrere Jahre lang nicht mehr. Stattdessen versuche ich, den Schülern in konkreten inhaltsbezogenen Unterrichtsszenarien eine aktive und reflektierte Mediennutzung nahezubringen. Um das zu tun, ist es sehr hilfreich, wenn man diverse Anleitungen, Infotexte etc. online verfügbar hat, weil man sonst die Inhalte ständig mündlich wiederholen muss. Beispiele hierfür sind folgende Beiträge: Richtiger Umgang mit Quellen, Die Qualität von Websites und Wikipedia-Artikeln beurteilen, Digitale Abbildungen verstehen und ihre Größe bearbeiten.

FRAGE: Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrem Unterrichtswiki gemacht? Nehmen die Schülerinnen und Schüler das Angebot an und nutzen die organisatorischen Informationen und die Tipps zu den Arbeitsmethoden? Nutzen ggf. auch die Eltern das Wiki?

FRAGE: Wie handhaben Sie den Einsatz des Wikis? Werden die Informationen auch unaufgefordert genutzt oder fordern Sie die Lernenden gezielt zur Nutzung auf?

Die meisten Elemente im Wiki sind an irgendeiner Stelle in meinen Unterrichtsverlauf eingebunden und werden von mir dort gezielt eingesetzt. Insofern kann man nicht davon sprechen, ob die Schüler das »annehmen«. oder nicht Es sind oft Informationen, die für den Unterricht relevant und obligatorisch sind. Darüber hinaus gibt es Arbeitshilfen oder Tipps, auf die ich im Unterricht oder per Mail nur hinweise. Ich kann nicht sagen, wie stark das dann angenommen wird. Die hinterher festgestellten Leistungen sind natürlich unterschiedlich, aber es ist schwer zu sagen, ob das im konkreten Fall daran lag, dass einige die Hinweise nicht genutzt haben oder ob andere Gründe für schlechtere Leistungen verantwortlich sind.

Sehr selten (bisher vielleicht 2 – 3 Mal) bekomme ich mit, dass Schüler, die ich schon mal unterrichtet habe, auch in anderen Fächern auf die bereits bekannten Seiten zurückgreifen.

Ich denke nicht, dass Eltern in größerem Umfang auf das Wiki zugreifen. Es hat mich noch nie jemand aus der Elternschaft darauf angesprochen.

Externe Nutzung findet natürlich statt, denn das Material steht ja öffentlich im Netz und wird daher auch über Suchmaschinen gefunden (das ist ja auch Sinn und Zweck der Öffentlichkeit und der CC-Lizenz). Diese Zugriffszahlen sind durchaus nennenswert, aber mit einem erheblichen Unsicherheitfaktor behaftet, da ich zur Analyse der Zugriffe Piwik benutze und dabei strenge Privatsphäre-Einstellungen respektiere: Wer z.B. eine Do-Not-Track-Einstellung vorgenommen hat, wird nicht gezählt. Ich bin bezüglich Zugriffs-Analyse technisch nicht mehr auf dem Laufenden, gehe aber davon aus, dass diese Zahlen auch weit daneben liegen können.

FRAGE: Können Sie eine Einschätzung über den Zeitaufwand geben, den die Erstellung und Pflege des Wikis bedarf?

Die öffentlich zugänglichen Teile des Wikis entsprechen dem, was ich früher in Form von Arbeitsblättern erstellt habe2. Insofern sehe ich hier keinen zusätzlichen Zeitaufwand. Ein gewisser Mehraufwand war in der Anfangsphase des Wikis vorhanden, bis der Umgang mit der Wiki-Software genauso flüssig von der Hand ging wie die Benutzung des Textverarbeitungsprogramms.

In einigen Lerngruppen (z.B. einem gerade laufenden Seminarkurs), bereiten meine Kollegin und ich den kompletten Unterricht im Wiki vor. Alle organisatorischen Informationen zum Kurs sind dort zu finden und die Schüler erledigen ihre Hausaufgaben dort. Auch da ist also kein Zusatzaufwand zu verzeichnen, lediglich eine Verlagerung von einem Medium in ein anderes.

Mehraufwand kann dann entstehen, wenn ein Softwareupdate ansteht und dieses nicht gleich klappt. Das kann natürlich immer mal passieren und kann dann auch schnell mal einige Stunden Arbeit kosten. Allerdings ist das maximal zwei bis drei Mal im Jahr der Fall (das kann man natürlich vermeiden, indem man das Wiki von einem Anbieter hosten lässt, da sind dann aber wieder andere Aspekte zu beachten).

Ich würde sagen, dass in den ersten Monaten der Wiki-Nutzung zeitlicher Mehraufwand nötig war, um bestimmte Inhalte zu übertragen oder neu zu erstellen. Inzwischen ist aber alles, was ich regelmäßig brauche, im Wiki vorhanden. Ich lege nur noch hin und wieder komplett neue methodische oder inhaltliche Seiten an. Mein Umgang mit der Software ist eingespielt und für die häufig gebrauchten Funktionen (z.B. Druckversion einer Seite) habe ich Alltagsroutinen entwickelt, die zügig von der Hand gehen.

Alles in Allem möchte ich auf das Wiki nicht mehr verzichten. Es ist ein zentrales Element meines Unterrichtsalltags geworden.


1 Natürlich ist das ein abgestufter Prozess: Ein Siebtklässler, der zum ersten Mal eine GFS vorbereitet, bekommt natürlich mehr Unterstützung und v.a. auch terminliche Erinnerungen als ein Kursstufenschüler, der schon mehrere Jahre GFS-Erfahrung hat.

2 Streng genommen bräuchte man für diesen Zweck keine Wiki-Software, weil ich ja alleine daran arbeite. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich mit dem Wiki gegenüber einem Content Management System deutlich weniger Aufwand habe, wenn ich eine neue Seite anlegen oder eine Bestehende verändern möchte.

 

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