Mit Kindern über angemessene Mediennutzung sprechen

Die Frage, wie viel und oft man digitale Medien nutzen sollte, beschäftigt mich in letzter Zeit immer mehr. Zum einen deshalb, weil meine eigenen Kindern langsam in ein Alter kommen, in dem die Einschläge diesbezüglich näher kommen: Freunde und Klassenkameraden haben immer häufiger schon Geräte, man muss also aushandeln, welche Regeln gelten und welche Pensen sinnvoll sind. Außerdem bin ich gerade Klassenlehrer in einer siebten Klasse – das ist ein Alter, in der die Nutzung v.a. des Smartphones bei einigen deutlich anzusteigen scheint und in dem einige Schüler/innen auch schon jenseits jeglicher Kontrolle durch die Eltern digital aktiv sind. Entsprechend gibt es Diskussionsbedarf auch in der Klasse.

In einer – wie ich finde – sehr guten Eltern-Broschüre zum Thema „Umgang mit dem Smartphone“ (PDF) steht zu Beginn folgender Abschnitt:

Wissen Sie noch, um was es in den Auseinandersetzungen mit Ihren Eltern ging, als Sie zehn, zwölf oder vierzehn waren? Vielleicht ging es darum, dass Sie angeblich zu lange mit Freunden telefonieren, weil es damals noch keine Flatrate gab? Oder darum, welche Fernsehsendungen Sie anschauen dürfen? Oder darum, ob Sie die Bravo lesen dürfen oder den heißersehnten Gameboy bekommen? Konflikte um die Mediennutzung gibt es in jeder Generation zwischen Eltern und Kindern. Was sich ändert, ist das Medium, um das es geht: Telefon, Fernsehen, Zeitschriften, Gameboy oder eben das Smartphone.

An diesen Sätzen ist etwas Wahres dran, aber sie greifen meines Erachtens zu kurz. Natürlich gibt es in jeder Generation Konflikte um die Nutzung der jeweils neuen Medien. Aber im Fall der digitalen Medien und vor allem des Smartphones haben wir eine neue Qualität. Das Telefon, mit dem man stundenlang mit Freunden gequatscht hat, stand passiv in der Ecke, bis man es benutzte. Es meldete sich nicht selbst, um einen zum Telefonieren zu animieren. Der Fernseher, die Bravo: Sie warteten, bis man sie einschaltete oder zur Hand nahm und blieben ansonsten stumm. Außerdem trug man sie nicht ständig bei sich, so dass ihre Nutzung schon deshalb auf bestimmte Zeiten und Räume begrenzt war. Der Gameboy war schon mobiler, aber auch er konditionierte seine Nutzer nicht durch digitale Leckerli.

Man muss davon ausgehen, dass die Apps und Dienste bewusst so programmiert werden, dass sie uns Nutzer an unseren psychologischen Schwächen packen und verführen.

Das Smartphone tut all das hingegen: Es ist nahezu immer dabei, es meldet sich in Form von Benachrichtigungen aktiv und viele Apps haben Konditionierungsmechanismen eingebaut, um uns zu möglichst häufiger Nutzung zu verleiten. Man muss davon ausgehen, dass die Apps und Dienste bewusst so programmiert werden, dass sie uns Nutzer (und vor allem auch junge Nutzer) an unseren psychologischen Schwächen packen und verführen.

Das macht die Diskussion über eine angemessene Nutzung umso wichtiger, auch wenn die Diskussion allein nicht ausreicht. Verschiedene Maßnahmen müssen getroffen werden: Die Politik müsste rechtliche Vorgaben machen, die Tech-Firmen müssten sich an selbst oder von außen gesetzte Grenzen halten, Eltern müssten die Nutzung digitaler Medien besser verstehen, reflektieren und ihren Kindern klare Grenzen setzen. Keine leichte Aufgabe.

Cover: Enzo im ComputerfieberDas Buch Enzo im Computerfieber von Stephan Valentin und Jean-Claude Gilbert aus der Reihe „Rocky und seine Bande“ (Pfefferkorn, 2017) hat das Ziel, Eltern mit ihren Kindern ins Gespräch über angemessene Mediennutzung zu bringen. Es richtet sich an die Altersgruppe Kindergarten und Anfang Grundschule und erzählt in Form eines Comics die Geschichte von Enzo, der sportlich nicht mit seinen Freunden mithalten kann, sich ein Tablet wünscht und es irgendwann von seiner Oma geschenkt bekommt. Das Tablet wird seine Kompensation für den Frust, den er im Alltag erlebt, seine Nutzung wird intensiver, Freunde und andere Aktivitäten treten in den Hintergrund. Nach einem intensiven Konflikt mit seinen Freunden schreiten seine Eltern ein und sie besprechen gemeinsam, wie Enzo künftig sinnvoll mit dem Tablet spielen könnte. Natürlich hat das Buch – entsprechend der Zielgruppe – ein Happy End.

Die Geschichte ist recht klischeehaft, aber aus meiner Sicht durchaus nicht unrealistisch erzählt. Die dargestellte Situation ist für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter nachvollziehbar und bietet gute Gesprächsanlässe. Erfahrungsgemäß können Kinder in diesem Alter mit konkreten Geschichten wesentlich mehr anfangen als mit rational begründeten Regeln. „Denk dran, wie es Enzo ging“ funktioniert besser als „Du weißt doch, dass Du das Smartphone nicht so oft benutzen sollst“. Insofern halte ich das Büchlein für ein gutes Mittel, jungen Kindern die potentiellen Gefahren von zu intensiver Mediennutzung zu verdeutlichen. Einzig die Zeichnungen finde ich etwas abschreckend: Sie sind aus meiner Sicht etwas lieblos und grob, was aber meine Kinder nicht fanden.

Wenn man mit Hilfe des Buches die Aufmerksamkeit für das Thema im Familienkreis geschaffen hat, helfen zum Beispiel Ressourcen wie die Elternmaterialien von klicksafe oder der Mediennutzungsvertrag dabei, sich zu informieren und konkrete Umgangsregeln zu formulieren.

Fazit

Ich habe den Eindruck, dass der Umgang mit dem allgegenwärtigen digitalen Gerät in vielen Familien mit Kindern und Teenagern das alltagsprägende Thema ist. Das Maß an Selbstkontrolle, das die Kinder haben und auch die Bereitschaft der Eltern, Regeln zu formulieren und diese durchzusetzen, scheinen erheblich zu beeinflussen, wie erfolgreich ein Kind in der Schule sein kann und wie entspannt der familiäre Alltag ist. Insofern ist jeder Anlass willkommen, um Eltern und Kinder miteinander ins Gespräch zu bringen, um Eltern dazu zu bringen, sich zu informieren und sich des Problems anzunehmen.


Das Buch wurde mir vom Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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