Leseförderung im Fachunterricht der Oberstufe

Meine Schüler/innen lesen für meinen Geschmack zu wenig, v.a. zu wenige Bücher. Und wenn sie lesen (z.B. Lektüren in Deutsch), haben die meisten wenig Freude daran. Im Gegenteil: Viele berichten, dass ihnen viele Deutschlektüren die Lust am Lesen eher verleiden. (Das ist übrigens kein Vorwurf an die Deutschkollegen, sondern eine schlichte Beobachtung. Mir und vielen meiner Mitschüler ging es früher auch schon so – es ist ein altes Problem. Die Gründe dafür sind vielfältig und eine Analyse sprengt hier den Rahmen).

Ich persönlich finde, dass zur Entwicklung eines fundierten, differenziertenWeltbildes  die Lektüre von Sachbüchern einen wertvollen Beitrag leisten kann. Daher praktiziere ich seit einigen Jahren eine Art „Leseförderungsprogramm“ in meinen Geographie-Neigungskursen in der Kursstufe.

Zielsetzung

Mein Ziel ist es, dass die Schüler/innen im Laufe der zweijährigen Kursstufenzeit in meinem vierstündigen Geographiekurs Leseerfahrungen machen, die Ihnen den Wert der Lektüre von Sachbüchern für die Erweiterung des eigenen Horizonts deutlich machen.

Diese Zielsetzung kommunziere ich den Schüler/innen und erzähle außerdem davon, wie verschiedene Bücher meinen Blick auf die Welt und mein Wissen über bestimmte Themen erweitert und bereichert haben. Im Laufe des Unterrichts komme ich dann ohnehin regelmäßig auf einzelne dieser Bücher zu sprechen, gerade weil sie bei mir ja einen intensiven Eindruck hinterlassen haben.

Umsetzung und Rahmenbedingungen

Um das genannte Ziel zu erreichen, versuche ich einen Rahmen zu schaffen, der eine möglichst große Freiheit bei der Auswahl der Lektüre mit dem Zwang verbindet, pro Halbjahr ein Sachbuch zu lesen und schriftlich zu rezensieren.

Die konkrete Aufgabe lautet folgendermaßen:

Jede/s Schüler/in liest pro Halbjahr ein Sachbuch mit geographischem Bezug und stellt es schriftlich im Wiki vorDie Rezensionen werden als Beiträge zum Unterricht benotet.

Leseliste

Dazu gebe ich eine Leseliste vor, die als Anregung zu verstehen ist: Die Schüler/innen können sich eines der Bücher von der Liste aussuchen, sie können mir aber auch ein eigenes Buch vorschlagen. In diesem Fall sichte ich das Buch zunächst und entscheide dann, ob es als Lektüre passt (das hängt u.a. auch davon ab, ob ich im nächsten halben Jahr dazu kommen werde, es selbst zu lesen).

Die aktuelle Liste:

  1. Behringer, Wolfgang: Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung
  2. Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur: Eine Geschichte der deutschen Landschaft
  3. Diamond, Jared: Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
  4. Diamond, Jared: Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen
  5. Dörner, Dietrich: Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen.
  6. Eichhorn, Wolfgang; Solte, Dirk: Das Kartenhaus Weltfinanzsystem
  7. Gerstengarbe, Friedrich-Wilhelm, Welzer, Harald: Zwei Grad mehr in Deutschland: Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird
  8. Gruhl, Herbert: Ein Planet wird geplündert.
  9. Hahlbrock, Klaus: Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?
  10. Hertsgaard, Mark: Expedition ans Ende der Welt. Auf der Suche nach unserer Zukunft
  11. Jäger, Jill: Was verträgt unsere Erde noch?
  12. Küster, Hansjörg: Die Entdeckung der Landschaft: Einführung in eine neue Wissenschaft
  13. Küster, Hansjörg: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa: Von der Eiszeit bis zur Gegenwart
  14. Küster, Hansjörg: Geschichte des Waldes
  15. Latif, Mojib: Bringen wir das Klima aus dem Takt?
  16. Martin, Hans-Peter; Schumann, Harald: Die Globalisierungsfalle
  17. Mauser, Wolfram: Wie lange reicht die Ressource Wasser?
  18. Meyer, Bernd: Wie muss die Wirtschaft umgebaut werden?
  19. Müller, Harald: Wie kann eine neue Weltordnung aussehen?
  20. Münz, Rainer; Reiterer, Albert F.: Wie schnell wächst die Zahl der Menschen?
  21. Rahmstorf, Stefan; Richardson, Katherine: Wie bedroht sind die Ozeane?
  22. Schmidt-Bleek, Friedrich: Nutzen wir die Erde richtig?
  23. Wagner, Hermann-Josef: Was sind die Energien des 21. Jahrhunderts?

Wie man sieht, ist der Begriff „geographischer Bezug“ sehr weit gefasst (allerdings ist das die Geographie natürlich auch: Vom Verständnis des Vulkanismus bis hin zur Analyse wirtschaftsgeographischer Zusammenhänge bei der Globalisierung). Es kommt mir nicht so sehr darauf an, welches Buch die Schüler/innen lesen, sondern dass sie im Laufe des Kurses mehrere Bücher lesen, deren Themen sie interessieren. (Wenn jemand noch Empfehlungen für Bücher hat, freue ich mich über einen Hinweis in den Kommentaren).

Organisation

Ich gebe den Schüler/innen eine Frist von ca. drei Wochen zu Beginn jedes Halbjahres, in der sie sich ein Werk auswählen. Das alles wird (natürlich) über das Unterrichtswiki organisiert: Leseliste, Fristen, Bewertungskriterien, Rezensionen etc.Dann haben sie grob ein halbes Jahr Zeit, das Buch zu lesen und zu besprechen.

Hier einige Screenshots der entsprechenden Wikiseite.

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Rezension

Für die Rezensionen gebe ich den Schüler/innen einige Leitfragen an die Hand, damit ihnen die Analyse des Buchs leichter fällt.

VORGABEN FÜR DIE REZENSION

  • Wer ist die/der Autor/in? (keine »Listeninformationen«, sondern sinnvoll ausgewählte Punkte aus dem Lebenslauf der Autorin/des Autors, die im Bestfall mit dem Inhalt des Buches zu tun haben)
  • Warum hat sie/er dieses Buch (wohl) geschrieben? (Das erfährt man z.B. im Vorwort oder überlegt sich die Absicht des Autors aufgrund der Lektüre des Buches)
  • Worum geht es in dem Buch? (Keine Inhaltsangabe für jedes Kapitel, sondern Überblick und Hervorhebung besonders wichtiger Aspekte)
  • Was ist die Botschaft der Autorin/des Autors?
  • Wie strukturiert vermittelt sie/er diese Botschaft?
  • Wie gut gelingt es ihr/ihm, ihre/seine Botschaft an die Leserin/den Leser zu bringen (mit Beispielen)?
  • Was nehme ich persönlich von dem Buch mit?

Beim ersten Durchgang (alle lesen im Lauf des Kurses ja insgesamt vier Bücher) dominieren in der Regel die Inhaltsangaben und die persönliche Stellungnahme bleibt eher knapp. Darauf weise ich hin und ermutige die Schüler/innen, die Bücher wirklich kritisch zu analysieren und ihre eigene Meinung begründet darzustellen. Die Frage „Worum geht es?“ soll eher analysierend als beschreibend beantwortet werden. Der thematische Schwerpunkt oder die Hauptthese soll herausgearbeitet werden, eine umfassende Beschreibung der einzelnen Kapitel ist wenig hilfreich.

Benotung

Bei der Benotung bin ich tendentiell großzügig. Aus meiner Sicht müsste sie nicht mal sein, allerdings wird sie von den Schüler/innen eingefordert: Wenn man schon die Mühe hat, ein ganzes Buch zu lesen, soll wenigstens eine Note dabei rausspringen. Gegen diese Art der Systemsozialisation kämpfe ich nicht (mehr) aktiv an.

Reaktionen

Wenn ich den Schüler/innen zu Beginn der Kursstufe eröffne, dass sie in meinem Kurs pro Halbjahr ein Buch lesen müssen, sind sie natürlich in der Regel erstmal nicht begeistert. Ich erzähle dann aber ausführlich, warum ich das Lesen von Büchern für so wichtig halte, dass ich es ihnen und mir zumute, diese Zusatzarbeit zu leisten (ich muss dadurch ja auch mehr korrigieren als es sonst der Fall wäre). Das können sie in der Regel nachvollziehen bzw. das hat bisher „Meuterei“ verhindert.

Wirkung

Es ist natürlich schwierig zu sagen, ob die Bücher einen echten Eindruck bei den Schüler/innen hinterlassen oder ob sie das nur so in die Rezension schreiben, weil sie denken, dass das gut ankommt. Letztlich ist diese Leseaufgabe auf einen statistischen Nutzen ausgelegt: Wenn alle insgesamt vier Bücher lesen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eines oder zwei dabei sind, die thematisch einen Nerv treffen und die Freude an der Erkenntnis durch Lektüre befeuern. Das scheint in manchem persönlichen Fazit durch.

Da ich ein Psychologiestudium anstrebe, habe ich das Buch mit großem Interesse gelesen. Ich kann dieses Buch allen Menschen ans Herz legen und wärmstens empfehlen, da man mit den Erkenntnissen aus diesem Buch Menschen besser verstehen und auch besser mit ihnen umgehen kann. Leute, die sich über Entscheidungen anderer ärgern, sagen oft: „Wie dumm ist der eigentlich!“. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wird einem klar, dass diese Aussage zu trivial ist. Der Entscheidungsfinder kann in jedem einzelnen Teilschritt des strategischen Denkens Fehler machen. So kann zum Beispiel ein Politiker das geforderte Ziel, das von den Bürgern zu grob definiert wurde, missverstehen; oder das Maß für die Informationssammlung nicht finden; die möglichen Fern- und Nebenwirkungen beim Planen nicht richtig einschätzen und die Maßnahmen durchführen, die schlussendlich nicht den Vorstellungen der Bürger entsprechen. Die Ursache einer Fehlentscheidung liegt also nicht in der Intelligenz des Politikers, sondern kann an der Formulierung der Forderungen der Bürger liegen.

Ich bin von der Gestaltung des Buches enttäuscht. Gerade von einem Psychologen hätte ich eigentlich erwartet, dass er weiß, wie man Inhalte gut rüber bringt. Wer sonst beschäftigt sich so viel mit dem Menschen wie ein Psychologe? Er hat in seinen Experimenten schließlich auch gelernt, dass Visualisierungen und Strukturierung beim Denken helfen, von übersichtlichen Stichpunkten und Tabellen scheint er allerdings wenig zu halten.
Ich finde es schade, dass ein inhaltlich so gutes Buch in so einer Form verpackt wurde. Das Buch würde ich jedem empfehlen, allerdings mit der Bemerkung, dass man sich durchbeißen muss. Es war nicht meine Absicht diese Rezension so lang zu machen, aber gibt es viel zu dem Buch zu sagen.

[…]
Und etwas, das ich ebenfalls aus diesem Buch mitnehmen konnte, war, dass nicht alles, was „schlecht“ geschrieben ist, auch einen schlechten Inhalt hat. Hinter der unschönen äußeren Erscheinung versteckt sich manchmal doch ein Goldschatz.

Seit ich mit dem Lesen fertig bin, habe ich noch viel über den Inhalt nachgedacht, weil es einfach viele Situationen gibt, die mich daran erinnern, beispielsweise ein Preisschild der „H&M-conscious“-Kollektion. Ich mag das Buch, weil Schmidt-Bleeks Pläne nicht so abstrakt und unvorstellbar sind. Als Schülerin habe ich den Kern seiner Ideen gut verstanden, deshalb glaube ich, dass der Inhalt dieses Buchs für unsere Gesellschaft leicht zugänglich ist. Oder besser: wäre. Denn ich wäre freiwillig nicht auf die Idee gekommen, ein Buch mit solch einem Titel und Cover, zu lesen. Bestimmt gibt es wirklich nicht all zu viele, die dieses Buch schon gelesen haben oder freiwillig noch lesen werden.

Abschließend muss ich zugeben, dass ich das Buch sehr interessant finde. Ich habe mich vorher schon mit Fragen wie z.B. „Wie funktioniert das Bankensystem?“ und „Was ist überhaupt Geld?“ beschäftigt und da das Buch hier viele schlüssige Antworten gibt, würde ich es jedem der ähnliche Interessen hat empfehlen. Die vielen Zahlen und Berechnungen wirkten allerdings manchmal trocken und ich muss sagen dass ich die Komplexität des Themas noch nicht durchdrungen habe. Allerdings regt das Buch auch zum Nachdenken an und man spürt wie man immer mehr versteht. Ich hatte z.B. mehrmals einen „Aha-Effekt“ bei etwas das ich nicht sofort verstanden hatte. Diesen Effekt hatte ich während des Lesens als ich z.B. schon ein paar Seiten weiter als das eigentliche Thema war, oder einfach in Alltagssituationen als ich über das Buch nachgedacht habe (das fand ich zugegebenermaßen ziemlich faszinierend).

Bisher hatte ich selten den Eindruck, dass die Rezensionen irgendwo abgeschrieben waren. Die Stichprobentests, die ich diesbezüglich mache, haben erst ein Mal ein Plagiat zu Tage befördert.

An den Formulierungen erkennt man auch regelmäßig, dass durchaus eine kritische Haltung zum Buch gefunden wurde und dass die Kritik auch begründet werden kann. Das allein finde ich ermutigend und erfreulich. Ich persönlich wäre mit siebzehn nie auf die Idee gekommen, den Autor eines Buches zu hinterfragen. Jemand, der ein Buch geschrieben hat, schien unerreichbar schlau und mir um Lichtjahre überlegen.  Hier wieder einige Beispielformulierungen zu verschiedenen Büchern.

Dennoch finde ich, dass der Autor sein Buch teilweise einseitig geschrieben hat, da er entgegen eigener Aussage, beide Seiten der Gentechnik im Verlauf des Buches zu erläutern, die Nachteile der Gentechnik insgesamt vernachlässigt und die positiven Aspekte hervorhebt. 

Trotzdem sind ihre Aussagen manchmal widersprüchlich: Auf der einen Seite behauptet sie, Entwicklungshilfe müsse sofort eingestellt werden, da auch andere Länder geschafft haben unabhängig zu werden, auf der anderen Seite hebt sie hervor, dass Afrika auf Grund der großen Abhängigkeit der Hilfsgelder, ohne diese aufgeschmissen wäre. Ich verstehe zwar was sie damit akzentuieren möchte, nämlich das große negative Ausmaß, welches die Entwicklungshilfe angenommen hat, trotzdem setzt sie ihren eigenen Visionen somit eine unsichtbare Grenze.

Mir persönlich hat das Buch nicht sehr zugesagt. Es ist mir sehr schwer gefallen das Buch bis zum Ende zu lesen. Der unverständliche und komplizierte Schreibstil von Michael Pröbsting ist nicht wirklich sinnvoll bei einem solch komplexen Thema. Er nennt zwar sehr viele Tabellen und Diagramme, aber erläutert diese überhaupt nicht. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich teilweise nicht verstanden habe, was die Tabellen nun bedeuten. Pröbsting zeigt aber keinerlei Interesse daran zu erwähnen, was seine Quellen zeigen und dann schlussendlich auch bedeuten. Das Thema des Buches ist sehr interessant und spannend, aber wurde leider von Michael Pröbsting nicht verständlich genug beschrieben. 

Fazit

Ich empfinde diese Zusatzaufgabe als gelungene Ergänzung zum Unterricht. Durch die genannte Art der Organisation geht dadurch kaum Unterrichtszeit verloren (mündliche Buchvorstellungen kämen aus diesem Grund z.B. für mich nicht in Frage). Außerdem kann ich im Unterricht regelmäßig darauf verweisen, dass dieses oder jenes Thema in einem der Bücher ausführlich behandelt wird, so dass einige evtl. diesen Titel als nächstes Lesen, wenn sie ohnehin ein Buch für das kommende Halbjahr finden müssen.

Nach dem Abitur bestätigen mir Schüler/innen auch immer wieder, dass sie die Leseaufgabe während der Schulzeit zwar anstrengend und teilweise auch nervig fanden, dass sie im Rückblick aber den Eindruck hätten, davon profitiert zu haben. Ob jemand dadurch zum regelmäßigen Lesen von Büchern gefunden hat, kann ich bisher jedoch nicht beurteilen.

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