2-Schritt-Klassenarbeiten – als Einzel- und als Gruppenarbeit

Meine Kollegin Claudia hat mich auf einen sehr interessanten Ansatz hingewiesen, der meines Erachtens einige Aufmerksamkeit und einiges Nachdenken darüber verdient: Two-Stage Exams – eine innovative Prüfungsform, die Prof. Brett Gilley an der University of British Columbia seit einigen Jahren einsetzt.

Ich möchte diesen Ansatz hier teilen, weil die Idee ungewöhnlich ist, mir aber vielversprechend erscheint.

Worum geht es?

In this innovative format, students still write an individual exam, but immediately after handing it in they get into groups of four to tackle the same exam questions again. Each group submits one copy of the completed exam. […]

“Usually with an exam, feedback will come as a mark and then many students will throw the exam away,” says Brett Gilley, a former Science Teaching and Learning Fellow in the Carl Wieman Science Education Initiative, and an instructor with UBC’s Vantage College and the Department of Earth, Ocean and Atmospheric Sciences. “Here, we’re making them review the exam while they still care about the answers to the questions.”

Gilley has been administering two-stage exams since 2010, and says students have almost universally embraced them. The group portion of the exam accounts for just 15 per cent of the total mark, but it’s enough of an incentive to get everyone participating. (Quelle)

Ich halte das für eine Idee, die man auch in der Schule in Betracht ziehen könnte. Viele Schüler/innen haben nach einer Klassenarbeit ja ohnehin das große Bedürfnis, sich über die Fragen auszutauschen. Wenn man das kanalisiert, kann ich mir gut vorstellen, dass sie engagiert diskutieren und dabei auch noch dazu lernen. Ähnlich sieht das auch Brett Gilley:

In research published by the Journal of College Science Teaching in January 2014, Gilley found that student learning and retention significantly improved after the group-exam portion of a midterm. (Quelle)

Im folgenden Video bekommt man einen Einblick in die Diskussionen.

 

Umsetzung in der Schule?

Ich werde über diese Form intensiv nachdenken und prüfen, ob ich das in der Schule auch mal ausprobieren kann. Einige kritische Punkte, die mir spntan einfallen sind:

  • Zeitliche Organisation: Wenn man bisher z.B. 90 Minuten eine KA schreibt, müsste man die Zeit für die Einzelarbeit halbieren, damit kann man weniger abfragen.
  • Rechtliche Absicherung: Eine Klassenarbeitsnote darf meines Wissens keine Gruppennote sein – wie lässt sich das mit dieser Methode vereinbaren?
  • Personelle Organisation: Wie stellt man sicher, dass bei der viel kleineren Gruppengröße in einem Klassenzimmer (im Vergleich zu den größeren Gruppen an der Uni) sinnvolle Gruppen entstehen und nicht z.B. nur starke Schüler/innen zusammen in eine Gruppe gehen?

 

Fallen Euch noch weitere Fragen ein, die man klären müsste? Habt Ihr Ideen, wie konkrete Antworten auf die obigen Fragen aussehen könnte? Ich freue mich über Kommentare.

Vielen an Claudia für den Hinweis!

 

Foto von Pixabay.com

13 thoughts on “2-Schritt-Klassenarbeiten – als Einzel- und als Gruppenarbeit”

  1. In der Tat ein interessanter Ansatz. Ich hatte dies kürzlich ähnlich gemacht und fand das Format gelungen. Alle hatten ein Einzelprojekt hinter sich und mussten darin auch Fragen klären. Diese Arbeit wurde bewertet . Eine Woche später wurden Teams mit vier Lernenden gebildet, welche dann zwei Ereignisse zogen, die es zu bearbeiten galt. Mit den Einzelarbeiten als Quelle wurden durch die Teams in 25min. Lösungen ausgearbeitet und anschliessend der Klasse präsentiert. Diese Bewertung war allerdings nicht mehr notenrelevant. Aus meiner Sicht wurde aber in den Teams deutlich, wie praxisrelevant die Einzelprojekte gelöst wurden.
    Unterricht: Fachkunde Berufsschule für Informatiker

  2. Die Fachbücher zum kooperativen Lernen bieten hier sicher einen Fundus an Beispielen.
    Weidner, Green/Green, Borsch fallen mir dazu gerade ein.
    Bei Borsch gibt es auch Beispiele zur Bepunktung von Aufgaben – die Beispiele sind allerdings nicht einem Prüfungskontext entliehen, sondern wollen im alltäglichen Unterricht kooperatives Lernen forcieren.

    Gerne mailen, dann kann ich eine Literaturliste mailen, z.T. Habe ich auch Zitate und Bsp. gesammelt

  3. Spannender Ansatz, aber ich bkn skeptisch. Überprüft man in einer Gruppe dann nicht das, was die/der beste oder die/der durchsetzungsstärkste Schülerin/Schüler weiß? Sollte man daher nicht gerade leistungshomogenere Gruppen wählen? Schließlich soll die Klassenarbeit eher das überprüfen, was die SuS können, nicht das, was sie während der Klassenarbeit gelernt haben. Schwierig.

    1. Überprüft man in einer Gruppe dann nicht das, was die/der beste oder die/der durchsetzungsstärkste Schülerin/Schüler weiß?

      An diesem Punkt bin ich bei meiner Reflexion über den Ansatz auch hängen geblieben. Eigentlich vermischt er Prüfung und Lernen. Es wäre womöglich sinnvoller, *VOR* der KA gemischte Lerngruppen durchzuführen mit Übungsaufgaben oder zur Klärung von offenen Punkten, die die Schüler/innen einbringen. Ansonsten könnte es passieren, dass alle Formulierungen – wie Du sagst – nur von den Besten einer Gruppe diktiert werden.

      1. Hier eine kleine Auswahl. Borsch bietet m.E. eine gute Mischung aus Theorie und Praxisteil, aber auch die anderen Bücher sind gut nutzbar.

        Borsch, F. (2015): Kooperatives Lernen. Theorie, Anwendung, Wirksamkeit. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart

        Green, N./Green, K. (2006): Kooperatives Lernen im Klassenraum und im Kollegium. Das Trainingsbuch. Seelze-Velber

        Souvignier, E. (2007): Kooperativer Unterricht. In: Heimlich, U./Wember, F.B. (Hg.) (2007): Didaktik des Unterrichts im Förderschwerpunkt Lernen. Ein Handbuch für Studium und Praxis. Stuttgart, 138-148

        Weidner, M. (2003): Kooperatives Lernen im Unterricht. Seelze-Velber

  4. Eine ähnliche Variante habe ich im Deutschunterricht mal ausprobiert für eine Erörterung, also eine schriftliche Argumentation. Dabei war das Verfahren aber umgekehrt. Ich habe ein 15minütige Diskussionsphase in Kleingruppen über bestimmte Themenkreise vorgelegt und sie danach ihre Erörterung schreiben lassen.
    Ich bilde mir ein, dass im Durchschnitt die Schulaufgaben besser waren, d.h. dass die guten Schüler hier eben in den Diskussionen die schwächeren gepusht haben.
    Die didaktische Diskussion über schriftliche Leistungsfeststellungen ist dabei auch vielfältiger als man glauben mag. Dort werden mehrphasige Schulaufgaben schon länger durchdacht.
    Schulrecht mag immer so ein (vorgeschobenes) Problem sein, aber ich glaube, das man das argumentativ hinbekommt. Mein größtes Problem waren eher die Reaktionen von Schülern anderer Klassen und Kollegen – dass meine Schüler es ja leichter hätten. Hier müsste ich immer einwerfen, dass ich natürlich auch mit anderem Horizont bewerte als sie.

  5. Eine Schwierigkeit, die sich auch im Schulalltag ergeben könnte: Wie kann man eine Person nachschreiben lassen? Bitte nicht falsch verstehen, ich möchte das Prüfungsformat nicht schlechtreden, ich denke gerade bloß laut.

    1. Zum Nachschreiben: Klassen parallel schreiben lassen, Nachschreiber dann wieder zusammenfassen? Alternativ, da am Nachmittag geschrieben werden muss, ein paar Schüler bitten, sich für das Nachschreiben zur Verfügung zu stellen?

    2. Danke für die konstruktive Kritik und die Ideen – verstehe ich schon richtig. Dieses gemeinsame laut Denken ist ja genau das Wertvolle, wenn man etwas Neues ausprobieren möchte. Viele Fallstricke würden einem selbst gar nicht einfallen. Und Thomas hat ja auch schon gute Ideen für Lösungsmöglichkeiten – auch dafür danke!

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