Wie das Wissen in den Kopf kommt

In den letzten Jahren hat die Gehirnforschung viel zum Verständnis des Lernens beigetragen. Dabei geht es nicht darum, aus biologischen Prozessen pädagogische Patentrezepte abzuleiten. Dennoch können Einsichten aus der Neurobiologie die Pädagogik und die Didaktik beeinflussen und neue methodische Ansätze untermauern. Die Zeitschrift GEO widmete dem Thema „Besser Lernen“ eine vierteilige Artikelserie. Teil 1 aus Heft 10/2004 ist hier zusammengefasst.

Kinder sind vor allem Persönlichkeiten und nicht nur Gehirne. Daher sollte ein Pädagoge vor allem etwas von Menschen verstehen. So wie eine Trainerin im Sport aber davon profitiert, wenn sie etwas über Muskelphysiologie weiß, so ist es für Lehrer nützlich zu wissen, wie das Gehirn lernt. Neurobiologische Erkenntnisse können dazu beitragen, fundierte Ansätze für ein menschengerechtes Lernen zu entwickeln. Sie können auch bisher rein auf Erfahrung beruhende Empfehlungen untermauern — oder widerlegen.

Emotionen werden mitgelernt

Menschen lernen besser, wenn es ihnen Spaß macht

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Menschen besser lernen, wenn es ihnen Spass macht, wenn sie ihre Interessen im Lernstoff wiederfinden, wenn sie ihren Entdeckerdrang ausleben können. Entdeckendes Lernen ist daher ein Ansatz, der in den letzten Jahren zunehmend mehr Beachtung fand. Vor allem Kinder haben ein ausgeprägtes Bedürfnis, die Welt zu erforschen. Eine moderne Schule sollte ihnen die Möglichkeit geben, dieses Bedürfnis stärker zu befriedigen. Das bedeutet auch, dass Lehrer weniger strikt „am Stoff“ kleben Schülern mehr Freiraum einräumen sollten.

Doch der Spass an der Sache ist nicht nur für die Motivation wichtig. Denn Emotionen beeinflussen das Lernen sehr grundlegend: wer genussvoll und entspannt lernt, ist eher zu kreativem Denken fähig als jemand, der unter Angst und Stress pauken muss. Im „Angstmodus“ hält sich das Gehirn nämlich stärker an Bekanntes, es versucht, auf vertrauten Wegen der Angstquelle zu entkommen. Ergebnis ist ein „enger kognitiver Stil“. Hinzu kommt, dass die Angst gleichsam mit abgespeichert wird und beim Erinnern des Lernstoffs wieder mit an die Oberfläche kommt.

Spaß ist natürlich kein hinreichendes Kriterium für guten Unterricht. Und guter Unterricht bedeutet auch nicht, dass es keine Anstrengungen geben darf. Herausforderungen können anstrengend sein und trotzdem Freude machen. Und die selbst erarbeitete Lösung einer kniffligen Aufgabe kann tiefe Befriedigung und ein gestärktes Selbstbewusstsein bringen.

Gehirne generalisieren

Unser Gehirn scheint eines hervorragend zu können: aus einer Reihe von Beispielen Gesetzmäßigkeiten herausfiltern. So lernen wir die Grammatikregeln unserer Muttersprache und können sie auch „korrekt“ auf Phantasiewörter anwenden. Es kostet uns jedoch einige Mühe, die Regeln zu formulieren, die wir mit schlafwandlerischer Sicherheit anwenden. Oder hätten Sie gewusst, dass deutsche Verben auf „–ieren“ das Partizip Perfekt ohne das Präfix „ge–“ bilden? Nein? Aber sie hätten auch gesagt „Ich bin partiert“ und nicht „gepartiert“.

Kinder brauchen vor allem gut ausgewählte Beispiele

Wir wissen diese Regeln normalerweise nicht, wir können sie. Denn das Gehirn vergisst meist die Einzelfälle und behält die generalisierte Regel. Für das Lernen bedeutet das: Kinder brauchen vor allem gut ausgewählte Beispiele, die Regeln kommen dann fast von selbst. Hingegen entstehen Fehler oft daraus, dass Kinder stumpfsinning gepaukte Regeln blind anwenden.

Verknüpfungen zu Bekanntem festigen das Neue

Das Gehirn versteht und lernt umso besser, je mehr Verbindungen es zu einem Thema herstellen kann. Daraus leitet sich die Forderung ab, dass Kinder die Möglichkeit haben sollten, mehrkanalig zu lernen. Bilder, Geschichten, Texte und eigene Erfahrungen können so in der Summe einen gründlicheren Zugang zu einem Thema schaffen als eine rein sachorientierte, „nüchterne“ Darstellung.

Ein zusätzlicher Aspekt dieses Ansatzes ist, dass er in der Regel weniger faktenzentriert ist. Und Fakten sprechen uns meist viel weniger an als Geschichten und Zusammenhänge. Fakten sollten also immer in einem sinnvollen Kontext stehen.

Aufmerksamkeit ist zentral

Neurobiologen unterscheiden allgemeine Wachheit von selektiver Aufmerksamkeit. Wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren, wirkt unsere selektive Aufmerksamkeit wie der Lichtkegel einer Taschenlampe in der Nacht. Was „angeleuchtet“ wird, ist deutlich „sichtbar“ und wird auch verarbeitet. Wenn wir hingegen nur „wach“ sind ohne uns bewusst mit einem Thema zu beschäftigen, bleibt die Verarbeitungstiefe deutlich geringer. Infotainment ist also für fundiertes Lernen nicht geeignet. Man muss sich mit dem Stoff schon aktive und möglichst intensiv auseinadersetzen, damit er hängen bleibt.

Das Gehirn ist kein Computer

Eine immer wiederkehrende Schlussfolgerung der Neurobiologie ist: das Gehirn ist kein Computer, in dem man beliebige Inhalte abspeichern kann. Menschliches Lernen ist geleitet von Interesse, von der Suche nach Einsicht. Dabei kommt es auch aktives Handeln genauso an wie auf eine angenehme Lernatmosphäre.

Erfolgreiches Lernen schließt viele Erkenntniswege und methodische Ansätze ein. Neurobiologische ebenso wie Pädagogische. Auch solche, die einfach dem „Bauchgefühl“ einer guten Pädagogin entstammen. Heilslehren und Dogmen sollte es nicht geben. Denn nicht eine Idee sollte im Mittelpunkt des Interesses stehen, sondern der Lernende.

 

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