Was Schüler (mit Interesse und Selbstbestimmung) leisten können

Im Fach Naturwissenschaft und Technik führen wir an unserer Schule in Klasse 10 zum Abschluss der »NwT-Laufbahn« der Schüler (in der Kursstufe gibt es noch kein NwT) ein großes und sehr frei gehaltenes Projekt zum Thema ›Sonne‹ durch.

Darüber hinaus wird in der Regel eine Klassenarbeit als »freie Arbeit« geschrieben, bei der die Schüler sowohl das Thema als auch die Form selbst wählen dürfen (hier die möglichen Formen). Im konkreten Fall war die Vorgabe, dass die Arbeit im weitesten Sinne etwas mit den Thema »Sonne« zu tun haben muss.

Es kommt regelmäßig vor, dass bei dieser »freien Klassenarbeit« Spitzenleistungen erbracht werden und dass die Schüler freiwillig deutlich mehr Zeit und Energie investieren als für eine sehr gute Leistung in einem traditionellen Setting nötig wäre. Immer wieder wachsen Mittelstufenschüler über sich hinaus. Zwei solche Beispiele von Facharbeiten habe ich letztes Schuljahr bekommen und möchte sie hier veröffentlichen – einfach, weil ich es klasse finde, was die beiden erarbeitet haben.

Selbstbestimmung im Projektunterricht

Im projektorientierten NwT-Unterricht und speziell bei diesen freien Arbeitsformen beobachte ich regelmäßig deutlich mehr Motivation und Leistungsbereitschaft als bei »traditionellen« Arbeitsformen. Ich frage regelmäßig bei den Schülern nach, woran das liegt. Fast alle begründen die Leistungsbereitschaft mit der größeren Selbstbestimmung bei der Projektarbeit und mit der interessengeleiteten Auswahl von Themen z.B. bei der freien Klassenarbeit.

Das ist aus motivationspsychologischer Sicht natürlich nichts Neues. Aber es zeigt eben, dass die selben Schüler unter veränderten Rahmenbedingungen sich »plötzlich« völlig anders verhalten. Die hier veröffentlichten Arbeiten sind nur zwei Beispiele dafür.

Konsequenzen

Ich habe für mich die Konsequenz aus dieser Einsicht gezogen und versuche, mehr Wahlfreiheit und offenere Arbeitsformen auch in meinen anderen Fächern zu praktizieren (z.B. in Form eines Rechercheprojekts zum Thema Süßwasser im Neigungskurs Geographie). Bislang zeigt sich in der Regel das erhoffte Ergebnis. Die Motivation ist bei den meisten Schülern hoch, das Engagement intensiv. Trotz der weniger stringenten Unterrichtsführung gibt es kaum »Absacker« – und falls doch, sind die Folgen klarer: Entweder der Schüler intensiviert nach einer Phase des Abhängens von selbst sein Engagement, weil er doch noch zum geforderten Termin seine Arbeit abgeben möchte oder er gibt nicht rechtzeitig ab und akzeptiert dann aber (meiner Erfahrung nach) die schlechte Zensur eher als Konsequenz seines eigenen Handelns.

Gerüste bauen1

Schwächeren Schüler fehlt bei freieren Arbeitsformen oft die Strukturierung durch den Lehrer2. Außerdem sind methodische Vorkenntnisse innerhalb einer Lerngruppe oft extrem unterschiedlich. Um keine Schüler abzuhängen, habe ich angefangen, eine Reihe von Hilfestellungen auf meiner Unterrichtswebsite anzubieten, die ich bei Bedarf schnell und unkompliziert zureichen kann.

Fazit Vorsichtiger Ausblick

Ob die Ergebnisse insgesamt wirklich besser sind als im regulären Unterricht, kann ich schwer sagen. Die offenen Formen bringen es natürlich mit sich, dass man weniger genau »messen« kann, was gelernt wurde. Außerdem offenbart sich, was bei einer traditionellen Unterrichtseinheit eher im Verborgenen bleibt: Dass sich jeder auf andere Schwerpunkte konzentriert und dass das Ergebnis daher heterogen ist.

Mein Bauchgefühl und die bisher eingeholten Rückmeldungen (beides natürlich nicht repräsentativ und bezüglich der Größe der befragten Gruppe nur bedingt generalisierbar) sind aber positiv und vielversprechend, so dass ich weiter versuche, dem Prinzip »Selbstbestimmung und Wahlfreiheit« mehr Raum zu geben3.

Was sind Eure Erfahrungen?


1 Scaffolding

2 Edel, Norbert: »Offener Unterricht«, in Bovet/Huvendiek (Hg.): Leitfaden Schulpraxis, Pädagogik und Psychologie für den Lehrberuf, Berlin: Cornelsen (2004), S. 113f.
Der o.g. Meinung wird allerdings an anderer Stelle widersprochen.

3 Das machen natürlich andere Leute auch schon, z.B. Felix Schaumburg: Barcamp trifft Schule

 

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