Von der Nichtvermittelbarkeit grundlegender Erfahrungen

Neulich habe ich auf Twitter ein kurzes Gespräch darüber verfolgt, wie eine Kollegin von einem Vater bei einem geplanten Elterngespräch versetzt wurde und dieser sich auf Nachfrage nicht mehr erinnerte, dass das Gespräch telefonisch vereinbart worden war. Eine Reaktion von außen war, dass jemand, der so etwas nicht auf die Reihe kriege, keine Kinder verdient habe, weil die dann ja wohl keine Priorität für ihn hätten. Ich warf spontan die Nachfrage ein, ob die Gesprächsteilnehmer eigene Kinder hätten – eine Frage, die wohl etwas irritiert hat.

Ich habe bisher in vielen Kontexten erfahren, dass es extrem schwierig – teilweise unmöglich – ist, grundlegende Lebenssituationen nur durch Beobachtung oder Kontemplation zu verstehen. Wie ist es zum Beispiel, voll berufstätig zu sein, Kinder zu haben, arbeitslos, Single, Top-Manager, alleinerziehend, alt, Popstar, pflegebedürftig oder Lehrer zu sein? Man kann diese Situationen intensiv beobachten, sich durch Medien informieren, Menschen in diesen Situationen begleiten oder mit ihnen sprechen und erhält dadurch eine gewisse Vorstellung davon, wie sich diese Situation wohl anfühlt. Aber wirklich verstehen kann man das auf diesem Wege nicht. Das Bild bleibt immer unvollständig, verschwommen, oberflächlich.

Das liegt meines Erachtens unter anderem daran, dass bei der Betrachtung oder dem Kontakt von außen immer nur ausgewählte Aspekte einer Situation sichtbar werden. Manche Aspekte sind in ihrer äußeren Erscheinung so wenig greifbar oder auch so »klein«, dass sie einem externen Beobachter nicht auffallen und von einem Selbst-Erlebenden nicht in Worte gefasst werden (können). Die kumulative Wirkung dieser Aspekte kann jedoch sehr groß sein.

Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich im zweiten Jahr des Referendariats (mit zwölf Wochenstunden eigenem Unterricht) erstaunt war, wie anstrengend eine Arbeitswoche für mich war im Gegensatz zu einer Woche an der Uni. Ich war kein fauler Student gewesen und hatte an der Uni immer intensiv gearbeitet. Zudem war mein »frischester« Vergleichsgegenstand die abschließende Examensphase, während derer ich zwei Fächer gleichzeitig gelernt habe – also eine durchaus intensive Zeit. Dennoch war ich während der Unizeit freitags abends nie so geschafft, wie ich das während dieser Phase des Referendariats regelmäßig war. Diese Erfahrung wäre meinem früheren »Uni-Ich« nur schwer vermittelbar gewesen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass etwas noch anstrengender sein könnte als die Examensphase. Erst das eigene Erleben hat dieses Verständnis möglich gemacht (und damit auch eine Reihe anderer Einsichten, z.B. die »Durchhalteleistung« der eigenen Eltern betreffend etc.). Und es hat einige Jahre gedauert, bis ich eine grobe Vorstellung davon entwickelt habe, was genau denn nun am Arbeiten anstrengender ist als am Studieren.

So ging es mir seither noch öfter und ich erlebe im Alltag immer wieder Meinungsverschiedenheiten oder Konflikte, die darauf beruhen, dass eine Seite nicht nachvollziehen kann, welche Faktoren im Alltag der anderen Seite eine wesentliche Rolle spielen und wie der Alltag, geprägt von diesen Faktoren, »wirklich« ist.

Auch im Umgang mit Schülern ist das relevant. Denn natürlich haben auch Schüler Vorstellungen und Haltungen, die von diesem Verständnisdefizit geprägt sind. Und wir als Lehrer haben umgekehrt ebenfalls solche defizitären Vorstellungen von ihnen:

  • Fach X ist völlig unwichtig. Das brauche ich doch nie wieder.
  • Wenn ich mit der Schule fertig bin, mach ich was, das mir wirklich Spaß macht. Dann hänge ich mich richtig rein.
  • Wozu soll ich denn das lernen – das kann man doch nachschauen, wenn man es braucht.
  • Die hängen doch am Nachmittag eh nur rum. Die können ruhig noch ein bisschen mehr arbeiten.
  • Wenn die sich mal richtig anstrengen würden, könnten sie das auch verstehen.

Natürlich kann es sein, dass einige dieser Aussagen auf einzelne Situationen zutreffen, aber eben nicht auf alle Situationen, auf die sie angewandt werden. Man bräuchte tiefergehende Einsichten und ein besseres Verständnis, um differenzieren zu können. Dieses Verständnis ist aber von außen kaum vermittelbar. So dreht sich die Sache im Kreis und beide Seiten urteilen oft auf der Basis falscher Vorstellungen.

Es ist durchaus möglich, dass man glaubt, man kenne die Situation des Gegenübers. Möglicherweise ist es sogar problematischer, wenn wir fälschlicherweise dieser Überzeugung sind. Das sah auch schon Mark Twain so:

What gets us into trouble is not what we don’t know. It’s what we know for sure that just ain’t so.
— Mark Twain.

Was natürlich zu dem schon lange bekannten sokratischen Gedanken führt, dass es ein Schritt in Richtung Weisheit sei, sich der eigenen Unwissenheit bewusst zu werden.

* * *

Das Problem des begrenzten gegenseitigen Verständnisses ist wohl nicht abschließend lösbar. Es ist wahrscheinlich eine Grundkonstante menschlichen Zusammenlebens.

In der Schule kann man es vielleicht etwas mildern, indem man ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander hat, so dass man auf die Worte und Haltungen des jeweiligen Gegenübers etwas gibt, auch wenn man diese nicht abschließend versteht. Außerdem wird das Verständnis natürlich umso besser, je intensiver und ehrlicher man miteinander kommuniziert. Und schließlich ist es gut, wenn man seine Vorstellungen des Gegenübers regelmäßig hinterfragt; wenn man davon ausgeht, dass man zunächst durch interessiertes Nachfragen mehr erfahren sollte, bevor man sich ein Urteil bildet.

Ein Prinzip aus Stephen Coveys Buch The Seven Habits of Highly Effective People (ein Buch, über das man manch Gutes, aber auch weniger Gutes sagen kann) lautet: »Seek first to understand, then to be understood«. Das scheint mir – bei aller Begrenztheit des erzielbaren Verständnisses –  in vielen Situationen ein sinnvolles Leitkonzept zu sein.

 

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