Twitter ist die Lösung …

… oder kann sie zumindest werden. Denn mit Twitter lässt sich ein elegantes Netzwerk schaffen. Gerade für Lehrer birgt das Potential.

Bisherige Erfahrungen mit Twitter

Seit etwas mehr als einem Monat nutze ich Twitter. Es hat mir recht bald einige interessante Einsichten gebracht, auch wenn ich noch nicht wirklich verstanden hatte, was Twitter alles sein und wie ich es einsetzen kann. Inzwischen habe ich davon eine bessere Vorstellung und je mehr ich es benutze, desto besser gefällt mir diese Art der Vernetzung. Und desto mehr Potential sehe ich darin.

In einem Beitrag bei edutopia Learn How to Use New Media Tools in Your Classroom berichtet Suzie Boss in einem kurzen Video von einigen interessanten Anwendungsbeispielen (das Video heißt »Suzie Boss on Twitter« – es ist leider nicht direkt verlinkbar). Unter anderem sagt sie:

»Twitter is kind of a big global room that lets you pay attention to conversations that interest you.«

Das spricht einen wichtigen Punkt an: ich entscheide, wem ich zuhöre. Und da ich nur Leuten zuhöre, die für mich in irgendeiner Form bedeutsam sind (z.B. weil ich sie kenne, oder weil ich ihre Gedanken interessant finde oder weil sie in interessanten Feldern arbeiten etc.) werden auch ihre kurzen Meldungen bedeutsam. Wie bei einer Unterhaltung ist vielleicht nicht jeder Satz (sprich: jeder Tweet) interessant, aber die Gesamtheit der Tweets in ihrer Sequenz macht Sinn und regt an.

Dabei kann ich durch die Auswahl der Menschen, denen ich »folge« entscheiden, zu welchen Themen ich gerne Input hätte. Ich kann entweder nur mitlesen oder aber mich aktiv an der Konversation beteiligen. Wenn ich wenig Zeit habe, scrolle ich einfach über die Liste der Tweets hinweg und lasse sie ungelesen verstreichen.

Seit ich Twitter nutze, habe ich schon viele Ideen daraus gewonnen – einfach aus der Tatsache, dass jemand erwähnt, dass er gerade diesen interessanten Artikel lese oder jenen tollen Vortrag bei TED schaue etc. Oft verweisen Tweets auf Blogbeiräge, die für mich thematisch passen – so kommt insgesamt eine Art informelle Weiterbildung zustande. Ein weiterer Beitrag bei edutopia beschreibt das ebenfalls. Twittering, Not Frittering: Professional Development in 140 Characters.

Zugegeben: der Anfang mit Twitter ist nicht ganz einfach. Das liegt daran, dass das Kommunikationsmodell ungewohnt ist. Entgegen der Beschreibung von Suzie Boss im oben genannten Video ist Twitter nämlich nicht wie ein großer globaler Raum. Denn in diesem wäre ein heilloses Stimmengewirr, das man nicht verstehen könnte. Twitter ist eher wie ein großes Haus, in dem man sein eigenes Zimmer hat. Und in diesem sitzen nur die Leute, mit denen man sich unterhalten möchte. Die anderen bleiben draußen und ungehört. Claudia Klinger erklärt dieses Phänomen sehr schön in ihrem beitrag Twitter: Vom Raum zum Schwarm.

Wir kennen die Kommunikation in Räumen. Ein Forum ist z.B. ein Raum: wenn ich dort etwas sage, »hören« es alle Teilnehmer des Forums. Im Raum kommuniziert man one-to-all.

Bei Twitter kommuniziert man dagegen one-to-some, denn nur Personen, die mir »folgen«, lesen meine Updates. Umgekehrt lese ich nur die Updates von Leuten, denen ich folge. Claudia Klinger nennt das »Schwarm-Kommunikation« und führt es weiter aus.

Lehrer-Netzwerk

Ich überlege schon lange, wie man als Lehrer sinnvoll mit Kollegen Ideen und Material austauschen kann. Dabei sind mir im Wesentlichen zwei Ansätze begegnet:

  1. Man tauscht das Material ordner- oder festplattenweise oder
  2. man tauscht auf konkrete Anfrage einzelne Arbeitsblätter.

Beide Ansätze stoßen schnell an ihre Grenzen, denn Ansatz eins führt rasch zu einer unüberschaubaren Masse von Material, von dem ich mit großer Wahrscheinlichkeit nur Bruchteile nutzen kann. Ansatz zwei läuft sehr sporadisch ab und erfordert es außerdem, einen einzelnen Kollegen auf sein Material explizit anzusprechen.

Ideen werden bei diesen Ansätzen meist gar nicht getauscht, denn was auf der Festplatte liegt, ist typischerweise das Endprodukt einer Idee und nicht ihr erster Funke.

Die beiden Ansätze stellen entgegengesetzte Pole dar. Dazwischen gibt es noch andere Möglichkeiten: die Mailingliste enpaed ist ein gutes Beispiel. Hier sind Englisch-Kollegen aus ganz Deutschland versammelt, um untereinander Material und Informationen auszutauschen. Bei enpaed funktioniert das bestens. Allerdings ist das eben eine Community mit einem Thema. Wenn ich Vergleichbares für Biologie oder Geographie haben möchte, müsste ich eine entsprechende Community finden. Wenn es sie nicht gibt, kucke ich in die Röhre. (Ich könnte natürlich auch eine entsprechende Community gründen, doch das ist zunächst mühsam und hat normalerweise eine recht lange Inkubationszeit, bis die Gemeinschaft »funktioniert«.)

Professionelle Vernetzung mit Twitter.

Twitter könnte hier die Lösung sein. Mit Twitter kann ich mein ganz persönliches Netzwerk bilden. Damit das funktioniert, gehe ich von einigen Prämissen aus. Ich formuliere sie hier in der Aussageform, bin mir aber natürlich im Klaren darüber, dass sie einen angestrebten Zustand ausdrücken, der bisher erst zu einem geringen Anteil erfüllt ist.

  • Ich folge einer Reihe Kollegen von meiner Schule, mit denen ich mich professionell und privat gut verstehe und die teilweise auch meine Fächer unterrichten.
  • Ich folge jeweils weiteren Fachkollegen deutschlandweit, die ähnliche Interessen haben.
  • Die Kollegen bereiten ihren Unterricht wie ich am Computer vor, speichern daher ihr Material in digitaler Form und sitzen in der Regel wie ich nachmittags und abends am Rechner.
  • Die meisten der Kollegen, denen ich folge, folgen mir und folgen sich auch untereinander.

Diese Prämissen sind wichtig, wenn Twitter als professionelles »Ideen- und Materialnetzwerk« dienen soll. Jedoch: Auch ohne die Erfüllung dieser Prämissen bewährt sich Twitter für mich auch bisher schon als »Ideenpool«.

Wie würde eine sinnvolle Vernetzung in diesem Netzwerk funktionieren?

Angenommen ich bereite eine Einheit zu den Risiken der Erdölförderung vor. Während ich daran sitze, twittere ich ein kurzes Update dazu, z.B.

»Interessanter Bericht über die Ölpest der Exxon Valdez« – http://www.fr-online.de/top_news/?em_cnt=1696853&

Einige Minuten später twittert ein anderer Geographie-Kollege zurück, dass er ein interessantes Video dazu im Netz kennt. Ein weiterer verweist in einem Tweet darauf, dass er zu diesem Thema schon mal ein Projekt durchgeführt hat und bietet sein Material an. Diese »Konversation« findet bei Twitter typischerweise innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden statt.

Ausgehend von einer simplen Mitteilung von mir hat sich im Beispiel für drei Leute innerhalb von Minuten eine anregende Kurz-Konversation ergeben, von der alle konkret profitiert haben.

Was macht Twitter aus?

Einige Eigenschaften von Twitter machen es zu einem guten Tool für diese Art der Vernetzung:

  • Twitter ist schnell — Die Reaktionszeit auf einen Tweet beträgt meist wenige Minuten. Das liegt natürlich u.a. daran, dass Twitter nur wenig Sinn macht, wenn man nur zwei Mal pro Woche online ist. Twitter-Nutzer sind daher von vornherein Online-Arbeiter. [UPDATE – 01.06.2009, in Reaktion auf Hokeys Kommentar] Die Geschwindigkeit ist vor allem für die Weiterentwicklung von Ideen wichtig, nicht so sehr für den Austausch von situationsgebundenem Material. Aber auch bei Arbeitsblättern etc. hilft es meines Erachtens, wenn zwischen Frage und Input eine kurze Zeitspanne liegt.
  • Twitter ist assoziativ — Durch die Idee, eigene Updates einfach so in die Wolke zu posten, setze ich Ideen in die Welt. Typischerweise folgen mir Leute, die zumindest einige meiner Interessen teilen. Das macht es wahrscheinlich, dass sie in diesen Ideen Anknüpfungspunkte finden und diese wiederum »zurücktweeten«. Auf diese Art kann sich eine »hingeworfene« Idee schnell weiterentwickeln.
  • Twitter ist inspirierend — Twitter erzeugt auch Rauschen, denn natürlich ist nicht alles, was jemand twittert, gerade konkret nützlich. Aber gerade darin liegt auch ein Vorteil. Ich habe bisher darauf geachtet, nicht nur Leute mit Bildungsberufen zu folgen, sondern auch Webdesignern und anderen, die interessante Tweets schreiben. Dadurch ist immer mal wieder ein Tweet dabei, der ein für mich ungewöhnliches Thema hat oder eine ungewohnte Perspektive bietet. Meine Erfahrung ist, dass es mich oft bereichert, von anderer Warte auf meinen Beruf zu blicken.
  • Twitter ist menschlich — Bei Twitter posten Leute scheinbar Triviales. Doch das Triviale von Menschen, die mir etwas bedeuten, ist für mich eben oft nicht mehr trivial. Wenn ein Freund von mir twittert, dass sein Fahrrad geklaut wurde, interessiert mich das durchaus, weil ich weiß, wie wichtig ihm sein Rad ist. Oder wenn jemand, der ich nur online kenne, ein Foto mit dem Blick aus seinem Arbeitszimmer twittert, finde ich das auch interessant, weil es mir Einblick in eine Person gibt, die ich nur »virtuell« kenne, mit der ich mich aber dennoch verbunden fühle. Insofern ist Twitter ein bisschen wie der Kaffeeplausch im Lehrerzimmer in einer Freistunde. Dabei kann man auch oft einen Kollegen von einer anderen als der rein professionellen Seite kennen lernen und meist bereichert das auch den gemeinsamen Arbeitsalltag.

Fazit

Ich bin weiterhin gespannt, wie sich meine Twitter-Nutzung (und vor allem die meiner Freunde und Kollegen) entwickelt. Ich würde mir wünschen, dass die von mir genannten Prämissen für eine weiterreichende professionelle Vernetzung bald umfangreicher erfüllt sind, um meine These prüfen zu können. Vor allem würde ich mich freuen, einige Kollegen meiner Schule bei Twitter zu treffen. Natürlich wäre es auch spannend, Kommentare von Lesern zu diesem Thema zu hören — wie wird Twitter »draußen« genutzt?

 

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