Clifford Stoll: LogOut – Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben

Ich behaupte, wir haben schon immer im „Informationszeitalter“ gelebt. Aber erst seit neuestem haben sich Technokraten in arroganter Weise zu den Hohen Priestern der neuen Weltordnung erklärt. (Clifford Stoll, LogOut, S. 162)

Clifford Stoll versteht sich als Ketzer und in dieser Rolle stellt er verbreitete Ansichten über den Nutzen von Computern für die Bildung auf den Kopf. Sein Buch ist eine Sammlung von Essays zu verschiedenen Aspekten des Computereinsatzes in Schulen. Er schreibt provokativ und direkt. Sätze wie das obige Zitat finden sich reichlich in LogOut. Stoll ist aber keineswegs ein ideologischer Computergegner. Seine Argumentation ist meist schlüssig und fundiert, für viele seiner Aussagen zieht er historische Beispiele und Vergleiche heran, die dem Leser ein besseres Urteil über die gegenwärtige Situation ermöglichen.

Stoll arbeitet seit Jahrzehnten mit Computern und war unter anderem an der Entwicklung des ARPA Net beteiligt, dem Vorläufer des heutigen Internet. Sein Hauptanliegen ist es, den Blick des Lesers zu schärfen, um hohles Gerede von fundierten Ansätzen unterscheiden zu können. Zum Beispiel nimmt er in „Lernen mit Spaß“ den Anspruch zahlreicher „Lernprogramme“ auseinander, sie würden ein Lernen ohne Anstrengung und mit viel Spaß ermöglichen. „Lernen ohne Mühe, brillante Graphiken, Fakten aus dem Internet, das Lernen als Videsospiel [sic]: Es gibt damit nur ein Problem — alles ist Lüge!“ (S. 26). Stoll hält es für eine Illusion, dass Lernen ohne Mühe möglich sei. Und er findet es unverantwortlich, Computern die Fähigkeit zuzuschreiben, Lernen mit Spaß und ohne Mühe zu ermöglichen. Seine Argumentation zielt darauf ab, den wahren Wert und die wahren Kosten von Computern klar zu sehen anstatt sich unkritisch von der Welle der Technologiebegeisterung mitreißen zu lassen. Er hat viel für die Verbesserung der traditionellen Lehr- und Lernformen übrig und überlegt in verschiedenen Essays, welche positive Wirkung das Geld haben könnte, das in die Anschaffung von Computern fließt.

Stoll geht naturgemäß von der Situation in den USA aus. Dort scheint die blinde Begeisterung für Computer in der Schule noch deutlich ausgeprägter zu sein als in Deutschland. Daher erscheinen dem deutschen Leser manche Angriffe etwas überzogen. Stoll gefällt sich in der Rolle des Ketzers, so dass seine Essays oft etwas einseitig gegen Computer in der Bildung argumentieren. An vielen Stellen könnte man ein vorsichtiges „Aber“ einfügen und sich differenziert über Nutzen und Kosten Gedanken machen. Diese Einseitigkeit schadet zwar dem Buch etwas, nicht aber dem Leser. LogOut ist bestens dafür geeignet, den kritischen Blick zu schärfen.

Ich selbst stehe Computern in der Schule offen und optimistisch gegenüber und daher teile ich viele von Stolls Argumenten nur teilweise. Allerdings stimme ich ihm zu, dass zu hohe Erwartungen — und manchmal scheinen Computer und das Internet ja geradezu die Weltrettung zu bringen — nur zu Enttäuschung führen können. Ein pragmatisches Abwägen und der gezielte Computereinsatz in Bereichen, wo ein Mehrwert entsteht, ist sicherlich besser als die Erwartung einer „Revolution des Lernens“. Ich habe die Lektüre von LogOut genossen, weil man an diesem Buch seinen Geist schärfen und seine eigene Einstellung prüfen kann. Immer wieder habe ich festgestellt, dass ich bestimmte Argumente bisher eben noch nicht hinterfragt hatte — obwohl sie fragwürdig sind. In diesem Sinn ist Stolls Buch eine Bereicherung gerade für Leser, die dem pointiert formulierten Untertitel — „Warum Computer nichts in der Schule zu suchen haben“ — nicht zustimmen.

 

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