Erste Schritte mit Lernen durch Lehren (LdL)

Nach der Inspiration durch Christian Spannagel und zahlreichen Twitter-Unterhaltungen in den letzten Tagen habe ich heute zum ersten Mal LdL (Lernen durch Lehren) selbst im Unterricht ausprobiert.

Zielsetzung der Stunde

Die konkrete Unterrichtssituation war eine Doppelstunde in der zwölften Klasse Neigungskurs Erdkunde (vierstündig, 19 Schüler). Wir hatten in den vergangenen Wochen ein Mini-Projekt zum Thema ‚Risiken der Erdölförderung‘ bearbeitet. Die Schüler hatten zu vier verschiedenen Themen recherchiert und knappe Facharbeiten verfasst. Jeder kannte sich daher in einer bestimmten Weltregion genauer aus und hatte die spezifischen Probleme dieser Region im Detail erarbeitet. Mein Ziel für die heutige Stunde war, die übergreifenden Erkenntnisse aus den vier Themen herauszuarbeiten. Dazu hatten die Schüler bereits als Hausaufgabe auf, jeweils zwei Arbeiten zu jedem der Themen zu lesen, das sie selbst nicht bearbeitet hatten. Es ging in der heutigen Stunde also darum, eine Vielzahl von Einzelerkenntnissen zu sammeln und zu strukturieren.

Einführung von LdL

Die Schüler hatten ebenso wie ich keinerlei Erfahrung mit LdL. Ich habe mich daher von Christian Spannagels Bericht inspirieren lassen und bin bei der ersten Einführung recht ähnlich vorgegangen. Zunächst wollte ich Feedback zu den formalen und organisatorischen Aspekten des Projekts abrufen, um die Ldl-Methode an einem weniger wichtigen Stoff auszuprobieren. Ich habe also wie Christian auch zwei Kreise an die Tafel gemalt: „Was ich an dem Projekt gut fand“ und „Was ich verändern würde“. Dann habe die Kreide demonstrativ aufs Pult gelegt und mich wortlos nach hinten gesetzt.

Ich war sehr überrascht, dass es nur wenige Sekunden dauerte, bis die ersten Schüler erkannt hatten, dass sie nun selbst aktiv werden sollten und dies auch taten. In den nächsten Minuten standen dauernd drei bis vier Schüler an der Tafel und notierten ihre Eindrücke. Weitere Schüler riefen Beiträge nach vorne.

Diese Sammlungsphase endete mit einer ersten Pause nachdem die meisten Gesichtspunkte notiert waren. Diese Pause war für mich ein entscheidender Punkt – denn ich habe weiterhin nichts gesagt und nichts gemacht. Es war klar, dass die Erwartung der Schüler dahin ging, dass ich nun wieder die Klassenführung übernehmen würde.

Nach ca. zwanzig Sekunden, in denen manche intensiv das Tafelbild betrachteten, andere auch begannen, sich privat zu unterhalten, stand erneut ein Schüler auf und schrieb einen weiteren Kritikpunkt auf. Das wiederholte sich noch zwei bis drei Mal. Für mich war diese Erfahrung sehr wichtig: die Pause war nötig, um diese weiteren (und inhaltlich wichtigen) Punkte zum Vorschein kommen zu lassen. Hätte ich früher eingegriffen, wären diese Beiträge nicht gekommen.

Nun waren beide Tafeln mit relativ unstrukturierten Punkten vollgeschrieben. Hier fragte ich nun nach, ob es noch weitere Punkte zu ergänzen gebe. Es gab keine – also wies ich darauf hin, dass man diese Punkte nun strukturieren könne. Umgehend stand ein Schüler auf, und begann, zwei inhaltlich ähnliche Punkte als zusammen gehörend zu markieren. Es folgten erste Vorschläge und Anweisungen aus dem Plenum „Nimm das doch zum Punkt … dazu.“, „Das ist eigentlich ein Unterpunkt von …“. Auf diese Weise entstanden innerhalb von einer halb Stunde eine strukturierte Sammlung von Rückmeldungen zum Projekt.

Dreißig Minuten sind relativ lang für dieses Ergebnis. Allerdings muss man auch bedenken, dass die Schüler sich zunächst an die Methode gewöhnen mussten und dass die Auseinandersetzung mit dem Thema bei Weitem intensiver war als bei einer schriftlichen Rückmeldung, wie ich sie normalerweise durchführte. Dennoch muss man den erhöhten Zeitaufwand bei der Planung berücksichtigen (s.u.).

Reflexion und Erklärung

Wir haben diese Unterrichtsphase anschließend gemeinsam besprochen: Was sollte das? Worum ging es? Was hat sich abgespielt? Ich habe die Methode kurz erklärt und die Neuronen-Metapher eingeführt. Außerdem schilderte und erläuterte ich verschiedene meiner Beobachtungen. Unter anderem war es erstaunlich, dass nicht nur das Sammeln, sondern auch das Strukturieren der Informationen so gut geklappt hat. Über einige Punkte gab es Uneinigkeit, bis man zu einem sinnvollen Ergebnis kam (z.B. Welcher Punkt ein Teilpunkt eines anderen sein solle). Außerdem haben sich mehrfach spontan Schüler mit sinnvollen Beiträgen geäußert, die sich sonst nie zu Wort melden.

Um die Methode zu festigen, zeigte ich dann ebenfalls das folgende Video einer Mathematik-Stunde von Erich Hammer.

Anwendung der Methode

Nun sollte die Methode auf das konkrete Lernziel angewendet werden. Die Schüler bekamen einige Minuten Zeit, basierend auf ihren eigenen Arbeiten wichtige übergreifende Erkenntnisse zu sammeln. Anschließend bat ich eine Schülerin, die Moderation zu übernehmen. Ich wies noch einmal auf die grundlegenden Regeln hin:

  • Der Moderator muss nicht selbst den Hauptinput liefern, sondern nur die Diskussion leiten. Wenn er genug hat, kann er sich einfach setzen.
  • Es kommt nicht darauf an, alles gleich richtig zu machen, sondern den gemeinsamen Denkprozess durch intensives „Feuern“ weiter zu bringen.
  • Die allgemeinen Gesprächsregeln werden eingehalten, d.h. es spricht immer nur einer.
  • Man meldet sich, wenn man einen Wortbeitrag hat. Wenn gerade niemand anderer spricht, kann man auch reinrufen.

Die Schülerin moderierte den weiteren Verlauf sehr souverän. Es kam eine genuine Gesprächs- und Diskussionsatmosphäre auf. Etwa zwei Drittel der Gruppe beteiligte sich aktiv und arbeitete intensiv daran, die Ergebnisse zusammen zu tragen. Es entstanden viele Diskussionen über einzelne Inhalte. Allerdings ging diese zweite LdL-Phase schleppender voran, weil die Schüler bereits beim Sammeln versuchten zu strukturieren. Das führte oft zu längeren Diskussionen über einen Punkt.

Um das Ergebnis abschließend zusammen zu tragen und zu sichern, bekamen die Schüler die Hausaufgabe, ihre Einsichten in einem Writeboard in unserem Online-Klassenzimmer festzuhalten und analog zum Vorgehen im Unterricht zu sammeln und zu strukturieren.

Beobachtungen und Erkenntnisse

  • Die Schüler haben die Methode sofort produktiv aufgegriffen. Es gab keine Anlaufschwierigkeiten. Am Ende der Doppelstunde hatten wir eine neue Unterrichtsmethode eingeführt und dabei einige wichtige inhaltliche Erkenntnisse gemeinsam erarbeitet („konstruiert“).
  • Es ist wichtig, sich als Lehrer länger als üblich zurückzuhalten, wenn Pausen entstehen. Es kam mehrfach vor, dass nach einer solchen Pause gute weitere Beiträge kamen. Die Pausen scheinen wichtig zu sein, um bei manchen Schülern die „Beitragshemmung“ zu überwinden oder einen Gedanken auszuformen, bevor er geäußert wird. Im regulären, vom Lehrer geführten Unterrichtsgespräch bleiben diese Gedanken wohl oft ungesagt.
  • Die Methode LdL ist zeitaufwändiger als andere Unterrichtsmethoden. Ich hätte in der selben Zeit normalerweise mehr Inhalte angesprochen, allerdings muss man sich natürlich im Klaren darüber sein, dass unterrichtet nicht gleich gelernt ist. Mein Eindruck und das rückgemeldete Resümee der Schüler: wir haben zwar weniger Inhalt besprochen, dieser wurde aber deutlich intensiver durchdrungen und verstanden. Gerade beim Ringen um die Strukturierung von Beiträgen, um die Zuordnung zu übergeordneten Kategorien etc. findet eine intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt statt. Einige Schüler sagten, dass sie diese Punkte normalerweise einfach notiert hätten. Die Unklarheiten wären dann wahrscheinlich erst beim Lernen auf die Klassenarbeit zu Tage getreten. Insofern kann ich bestätigen was „ekirlu“ in seinem Kommentar zu Christians Blogbeitrag schreibt: bei LdL scheint das Lernen im Unterricht statt zu finden, das ansonsten erst später zu Hause (oder evtl. auch überhaupt nicht) statt findet. Auch Melanie Gottschalk äußert sich ähnlich im Video-Beitrag zum Erich-Hammer Bericht.
  • Ich muss beim weiteren Ausprobieren Wege finden, den Unterichtsstoff so vorzustrukturieren und aufzuteilen, dass der höhere Zeitaufwand im Klassenzimmer durch häusliche Vorbereitung und Weiterarbeit kompensiert wird. Denn natürlich ist gerade in der Oberstufe die vollständige Bearbeitung des Bildungsplanes Pflicht. Zu diesem Punkt muss ich noch mehr über LdL nachlesen bzw. vielleicht finden sich erfahrene Ldl-Kollegen, die hier in Form von Kommentaren weiterhelfen können.
  • Bei einer Aufgabenstellung wie der oben beschriebenen scheint es wichtig zu sein, dass zuerst nur Inhalte gesammelt und erst anschließend strukturiert werden. Sonst läuft die Diskussion Gefahr, sich in zu lange an Fragen der Einordnung aufzuhalten.
  • Das Thema Noten habe ich bisher noch wenig bedacht, weiß aber, dass es hierzu verschiedene Strategien (PDF) gibt, die zu funktionieren scheinen.
  • Die Einhaltung der Gesprächsregeln gelang oft nicht. Manchmal wurde das Bedürfnis, einer Äußerung zu widersprechen oder sie zu ergänzen so groß, dass ein Schüler einfach reinrief. Das war teilweise in Ordnung, teilweise störend. Wie könnte das sinnvoll gehandhabt werden?
  • Die gemeinsame Konstruktion von Wissen in der Form von LdL ist meines Erachtens eine sehr wichtige Form der Zusammenarbeit, die in den nächsten Jahrzehnten noch an Bedeutung gewinnen wird. Die Diskussion im Klassenzimmer funktioniert genauso, wie die gemeinsame Arbeit an einem Wiki. Jeder trägt etwas bei, dazwischen wird Strukturierung nötig ebenso wie die Diskussion über einzelne Inhalte. Für den großen Überblick braucht es einen Moderator, der sich auskennt. Die heutigen Schüler werden m.E. davon profitieren, diesen Arbeitsprozess in Form von LdL erlebt und verstanden zu haben. Auch erkannt zu haben, dass diese gemeinsame Wissenskonstruktion zu fruchtbaren Ergebnissen führen kann, wenn alle ernsthaft um ein gutes Ergebnis bemüht sind.

Ausblick

Ich habe heute eine sehr interessante und inspirierende Stunde erlebt. Ich werde LdL weiter verfolgen und sehen, wohin die Reise geht.

Links zu LdL

Diskussionen zu LdL

Zu zwei Blog-Beiträgen haben sich intensive und erhellende Diskussionen zu LdL ergeben (neben den Beiträgen selbst sind die Kommentare dazu sehr interessant):

 

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