Lernen & Lehren

E-Learning kann mühsam sein

Online-Unterricht schlägt Klassenzimmer – Web-Schüler schneiden laut US-Studie besser ab. Diese Meldung wurde vor einigen Wochen veröffentlicht. Abgesehen davon, dass es bei näherem Hinsehen (natürlich) eine Menge Zweifel an der plakativen Überschrift gibt, ist E-Learning insgesamt (wie wohl alles Lernen) meiner Erfahrung nach eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Viele Prämissen müssen erfüllt sein, damit es gelingt, aber es reichen schon wenige Probleme, um es scheitern zu lassen (Jared Diamond hat das in seinem Buch Guns, Germs, and Steel das Anna-Karenina-Prinzip genannt).

Vor einiger Zeit habe ich als „Experte“ bei einem Seminar zum Thema Unterricht mit Medien teilgenommen, das Richard Heinen angeboten hat. Das Seminar fand an der Uni Duisburg-Essen statt, die Experten waren dagegen deutschlandweit verstreut.

Es ging um den Einsatz von „Medien“, da liegt es nahe, diese auch für die Arbeit im Seminar einzusetzen. Hauptbestandteil dieser Arbeit waren für mich zwei Chat-Sessions mit einer Gruppe von Studentinnen, in denen ein Unterrichtsentwurf diskutiert und auf seine Alltagstauglichkeit in der Schule überprüft werden sollte. Für mich war das ganze daher „reines“ E-Learning (ich habe die anderen Teilnehmer nicht persönlich kennen gelernt), für die Studenten war es „blended learning“, da sie auch Präsenzsitzungen hatten.

Die Zusammenarbeit hat Spaß gemacht und hat mir außerdem einige interessante Einsichten bezüglich von E-Learning Arrangements beschert, die ich in loser Reihenfolge kurz besprechen möchte.

Software beeinflusst Qualität

Das eingesetzte Kommunikations- und Ablagesystem (learning management system, LMS) ist von entscheidender Bedeutung für die Qualität der Arbeit, die damit erbracht werden kann. Wenn das System gut ist, ermöglicht es produktive Arbeitsprozesse und bleibt ansonsten aus dem Weg. Wenn es (wie in unserem Fall) eher dürftig bis fürchterlich ist, braucht man mehr geistige Energie zum Überwinden technischer Hindernisse und hat entsprechend weniger Zeit und Kraft, sich auf das Thema zu konzentrieren.

In unserem Fall kam lo-net2 zum Einsatz, dessen fehlende Usability ich schon beklagt habe. Die technischen Probleme können bisweilen so kritisch sein, dass die anstehende Aufgabe nicht mehr erfüllbar ist. Das Chat-Modul in lo-net2 funktioniert z.B. mit Safari (Mac) nicht korrekt. Ständig lädt der komplette Chat-Verlauf neu. Damit wird der Chat unbenutzbar. Für einen Benutzer, der nicht routinemäßig mehrere Browser auf seinem System installiert hat, wäre damit die Chat-Session, deren Temin mühsam mit fünf Leuten abgestimmt wurde, bereits gelaufen, der Frust wäre entsprechend groß. Dieses Problem trat wohl auch bei anderen Gruppen auf.

Die Frage der „richtigen“ Lernplattform wird in der Praxis meiner Erfahrung nach kaum thematisiert. In Baden-Württemberg wird von Seiten des Kultusministeriums zum Beispiel Moodle stark promotet. Moodle ist zwar kein schlechtes LMS, aber es ist noch lange nicht ausgereift – vor allem in den Bereichen Benutzerfreundlichkeit und Dokumentation. Für Schulen in Baden-Württemberg ist es inzwischen aber wohl die einzige Lösung, die dauerhaft in Frage kommt, weil Fortbildungen dafür angeboten werden, weil es Beispielkurse gibt etc. Die Frage nach dem besten LMS ist also praktisch schon hinfällig geworden – man muss sich mit Moodle abfinden. Das ist schade, denn entweder könnte das Land in die Verbesserung von Moodle investieren oder es sollte auch Alternativen offen lassen.

Fundierte Beherrschung der Werkzeuge ist essentiell

Wenn E-Learning produktiv ablaufen soll, müssen alle Beteiligten sehr routiniert mit verschiedenen Programmen und Werkzeugen sein. Dieser Punkt erscheint banal, doch er kann meines Erachtens gar nicht wichtig genug genommen werden. Wenn z.B. lo-net2 für jeden Pups, den ich anklicke ein neues Fenster öffnet, habe ich ca. drei Minuten nach Beginn der Arbeitsphase sechs oder sieben Browserfenster mit unterschiedlicher Größe geöffnet. Auf einem Notebook-Bildschirm ist kaum Platz für zwei dieser Fenster, ich muss also ständig zwischen verschiedenen Browserfenstern hin- und herschalten. Allein das kann schnell so aufwändig werden, dass man keine Lust mehr hat weiterzuarbeiten. Die Mühsal wird etwas erleichtert, wenn man z.B. Browser-Plugins kennt, um Fenster in Tabs umzuleiten oder wenn man weiß, wie man mit der Tastatur schnell zwischen offenen Fenstern wechseln kann. Dieses Wissen wird damit nahezu essentiell für das wirkliche Gelingen von E-Learning.

Schriftliche synchrone Kommunikation macht wenig Freude

Schriftliche synchrone Kommunikation (z.B. Chat) eignet sich nur sehr bedingt für den Austausch komplexer Ideen in einer Gruppe. Ein Chat zwischen zwei Leuten funktioniert noch einigermaßen, aber auch hier hat man ständige Wartezeiten während das Gegenüber tippt. Bei drei und mehr Teilnehmern überschneiden sich die Gesprächsstränge sehr schnell, weil jemand etwas zum Thema A sagt, dann eine Reaktion erhält, dann jemand Thema B beginnt, ein dritter Teilnehmer aber noch etwas zu Thema A nachschiebt etc. Hinzu kommt, dass man entweder Orthographie und Grammatik über Bord werfen muss (was mir schwer fällt) oder in Kauf nimmt, dass das Tippen eben seine Zeit dauert (auch wenn man recht schnell tippen kann).

Fazit

Die schriftliche Kommunikation ist daher besser, wenn sie asynchron stattfindet (z.B. im Forum oder Wiki). Für das Ausarbeiten komplexer Themen eignet sich meines Erachtens das gesprochene Wort (Skype Konferenz oder persönliches Treffen) deutlich besser, weil die Ideen viel schneller fließen und ausgehandelt werden können.

Ein möglicher Kompromiss wäre, dass man ein Treffen asynchron vorbereitet indem die Teilnehmer Vorschläge und Ideen im Forum oder Wiki hinterlegen. Die einfachen und unkontroversen Punkte werden bereits dort geklärt, die komplexeren hebt man für die mündliche Konferenz auf.

Das sind nur drei Punkte, die mir spontan bei der Zusammenarbeit aufgefallen sind. Ich bin sicher, es gibt noch eine Menge anderer Aspekte, die für das gelingen von E-Learning oder „blended learning“ Arrangements wichtig sind. Was sind Eure Erfahrungen? Was würdet Ihr ergänzen?

06. September 2009Stichwörter: , , , , , ,

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Andreas Kalt: »E-Learning kann mühsam sein«, http://www.rete-mirabile.net/lernen/e-learning-kann-muehsam-sein. Creative Commons Lizenz: CC BY-SA.

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Kommentare

Richman Schleich schrieb am 6 September 2009, 23:07 h    # 

Tja bzgl Moodle und BW: irgendwann ist halt mal der Punkt gekommen, an dem man sich als Oberste Schulbehörde entscheiden muss und nicht mehr auf die nächste Version des in entwicklung sich befindenden Sterns am LMS-Himmel warten kann. Es steht aber überdies jeder Schule, gar jedem Lehrer frei, sein eigenes LMS zu verwenden … Aehm, sofern er all die juristischen und datenschutzrechtlichen Fallstricke aus dem Weg räumt, die es da so gibt.
Das Land BW beteiligt sich darüber hinaus sehr wohl an der Entwicklung von Moodle. Ein Problem besteht allerdings darin, dass BW bzw Belwue keine fundamentalen Extrawürste braten kann, ohne sich von der gesamten Moodle-Schiene zu entfernen und dann bei der nächsten Version Probleme zu bekommen.
Nicht falsch verstehen, ich bin noch lange nicht zufrieden mit Moodle (hässlich und schwerfällig), aber fürs meiste reichts ganz gut. Und bei dem Hickhack hinter den Kulissen wg einer landesweiten „Genehmigung“ für den Einsatz eines LMS an unseren Schulen bin ich froh, überhaupt eines zu haben. 

Andreas Kalt schrieb am 7 September 2009, 08:21 h    # 

Danke für diese Einsichten.
Es ist mir klar, dass man irgendwann auf ein Pferd setzen muss und es freut mich zu hören, dass Baden-Württemberg mithilft, Moodle weiter zu entwickeln.
Tw. kommt meine Abneigung dagegen von dem Benutzerfrust, den ich dann doch ziemlich regelmäßig mit Moodle habe. Ich habe inzwischen einfach recht hohe Ansprüche an eine Software, die es schon so lange gibt.

Uwe Klemm schrieb am 7 September 2009, 09:00 h    # 

Du sprichst in Deiner kritischen Betrachtung ein paar Dinge an, die mich auch schon länger beschäftigen – deshalb mal ein paar Überlegungen aus meiner Sicht (die zT von Deinen gar nich weit entfernt sind, glaub ich):
Im Zusammenhang mit E-Learning in der Schule scheinen mir zu häufig ein paar sehr banale Dinge nicht hinreichend reflektiert zu werden:

Da wären zum einen Besonderheiten der Institution schule und schulischen Lernens. Wir haben es mit großer Alters- und Leistungsdiversität zu tun, der Unterricht begreift sich auch in freieren Formen als Präsenzunterricht. Wieso ist das ein Problem? Die meisten E-Learning-Szenarien und – Werkzeuge stammen ürsprünglich aus dem Kontext universitärer Lehre bzw. betrieblicher Aus- und Weiterbildung – und diese völlig anderen Lernbedingungen werden oft automatisch und unreflektiert auf Schule übertragen. Das kann nicht funktionieren……

Blended Learning kann an Schule enorm viel leisten, wenn es didaktisch gut überlegt eingesetzt wird. Dazu gehört Reflexion darüber, was E-Learning-Werkzeuge besonders gut können (bei Moodle zB die Organisation von sozialen Lernformen) und was in herkömmlichem Unterricht besser, effektiver, schneller geleistet werden kann.
Klassisches Distance Learning dürfte die Ausnahme bleiben (zB bei Krankheitsbetreuung etc), von daher haben dessen spezifische werkzeuge untergeordnete Bedeutung (Videokonferenztools, Chat – aber man kann zB mit chat sehr gut Rollenspiele emulieren!).
Kritisch sind eigentlich weniger die eigtl. E-Learning-Sequenzen, sondern die Schnittstellen zum „normalen“ Unterricht – hier gilt es, Erfahrungen zu sammeln, diese zu reflektieren und sich darüber auszutauschen.
Ein paar Überlegungen rund um den Problemkreis behandle ich gelegentlich in Fortbildungen – vgl. www.humyo.de/F/71400…
just my two cents, though…

Was die Benutzerfreundlichkeit von Moodle angeht: Ja, es wirkt bisweilen etwas hölzern, das stimmt wohl. Web 2.0 geht eleganter :-) (Bin aber zuversichtlich, dass Folgeversionen da Verbesserungen bringen).Im Vergleich zu anderen Systemen ist es dennoch recht logisch und stringent zu bedienen. Bei Fortbildungen sind die meisten Lehrer nach ca 3h so weit, grundlegend damit arbeiten zu können, Schüler (auch jüngere) kommen nach ca 20-30min damit zurecht. Kein schlechter Wert, wie ich meine…
Ein großer Vorteil im Vergleich zu anderen Systemen ist aber ohne Frage, dass ich mit Bordmitteln des Systems – also ohne externe Editoren – durchaus anspruchsvolle und didaktisch abwechslungsreiche Kurse bauen kann. Das senkt die Einstiegsschwelle für Lehrkräfte ganz erheblich.

Was Dokumentation angeht: Das seh ich deutlich anders. Für mein Dafürhalten ist Moodle ganz vorzüglich dokumentiert: Die Kontexthilfe ist außerordentlich hilfreich und detailliert (wenn sie richtig installiert ist und auch benutzt wird), im Netz gibt es vielerorts Hilfe (verdienstvoll find ich da zB den bawü-Fortbildungsserver lehrerfortbildung), die internationale und deutsche Community ist sehr hilfreich und schnell – und es gibt so viele Print-Handbücher (F. Gertsch, P. Seirenigg usw) und Videotrainings wie zu keinem anderen LMS.

Trotzdem: Die Qualität des damit durchgeführten Unterrichts liegt natürlich nur zum (geringeren?) Teil am verwendeten Tool, sondern mehr am didaktisch überlegten Einsatz und – wie gesagt – an der klugen Gestaltung der Schnittstellen zum „Normalunterricht“.

Andreas Kalt schrieb am 7 September 2009, 09:09 h    # 

Danke für die ausführlichen Kommentare. Was die Dokumentation angeht: vielleicht bin ich etwas negativ vorbelastet. Ich betreue nun seit einigen Monaten das BelWue Moodle an meiner Schule und habe in dieser Zeit schon etliche Fragen zu Einstellungen und Funktionen (zugegeben als Admin oder Kursverwalter) nirgends dokumentiert gefunden (auch nicht im Moodle Buch).

Version 1.9 ist in der Tat auch schon eleganter mit den Ajax-Funktionen – wenn man herausfindet, dass man die nur in Firefox sieht und nicht in Safari (es sind solche Kleinigkeiten, die mich dann doch immer wieder nerven).

Dennoch: ich freunde mich auch zunehmend mit Moodle an.

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